Xabi Alonsos taktische Meisterleistung analysiert – Die 5 Phasen von Leverkusens Spielaufbau
5 Min. LesezeitBayer Leverkusens außergewöhnlicher Erfolg unter Xabi Alonso basiert auf einem hochkomplexen, aber konsequent umgesetzten taktischen System. Während viele Trainer zwischen verschiedenen Spielstilen wechseln, hat der Baske ein klar definiertes Phasenmodell entwickelt, das trotz aller Flexibilität auf konstanten Prinzipien beruht. Wir analysieren die fünf entscheidenden Phasen des Leverkusener Spielaufbaus und zeigen, wie Alonso seine Mannschaft von der defensiven Grundordnung bis zur Finalisierung im gegnerischen Strafraum organisiert.
Phase 1 – Defensive Grundordnung und Kompaktheit
Die erste Phase beginnt, wenn Leverkusen nicht im Ballbesitz ist. Alonso etabliert gegen starke Gegner eine defensive 5-2-3-Formation, die sich deutlich von traditionellen Pressing-Systemen unterscheidet. Statt aggressiv früh anzulaufen, formiert sich die Werkself in einem kompakten Defensivblock, der primär das Zentrum kontrolliert.
Die durchschnittliche Ballrückgewinnungszeit liegt dabei bei 22,6 Sekunden – ein bewusst gewählter Wert, der zeigt, dass Alonso nicht auf hektisches Gegenpressing setzt, sondern auf organisierte Kompaktheit. Die Flügelspieler rücken nach innen, die beiden zentralen Mittelfeldspieler positionieren sich eng vor der Fünferkette. Diese Staffelung schafft mehrere Verteidigungslinien, die gegnerische Zehner neutralisieren und zentrale Durchbrüche verhindern.

Schlüsselprinzip der ersten Phase: Räume verengen, nicht Spieler jagen. Leverkusen wartet geduldig auf den richtigen Moment für die Balleroberung, statt Energie in unkoordiniertes Pressing zu verschwenden. Diese Disziplin ermöglicht eine kontrollierte Transition in die nächste Phase.
Phase 2 – Ballgewinnung und erste Übergangsmomente
Der Übergang von der defensiven zur offensiven Organisation erfolgt bei Leverkusen mit beeindruckender Geschwindigkeit, jedoch nie übereilt. Nach der Balleroberung analysiert die Mannschaft binnen Sekundenbruchteilen die Situation: Ist ein direkter Konter möglich oder benötigt die Situation strukturierten Aufbau?
Entscheidend ist die Positionierung der Spieler im Moment der Balleroberung. Während die Fünferkette kompakt bleibt, haben sich die offensiven Spieler bereits so positioniert, dass sie für schnelle Anspiele verfügbar sind. Wirtz, Adli und die Flügelspieler suchen aktiv Räume zwischen den gegnerischen Linien, ohne dabei die defensive Balance zu gefährden.
Die zweite Phase zeichnet sich durch zwei unterschiedliche Szenarien aus:
Szenario A – Direkter Konter: Bei Ballgewinn in vorteilhafter Position erfolgt ein schneller vertikaler Pass in die Tiefe. Die Pace von Spielern wie Adli wird gezielt genutzt, um numerische Gleichheit oder Überzahl zu generieren, bevor sich der Gegner formieren kann.
Szenario B – Kontrollierter Übergang: Ist der direkte Weg verstellt, geht Leverkusen sofort in Phase drei über, ohne dabei Zeit durch unnötige Querpassserien zu verlieren.
Phase 3 – Positionsspiel im Spielaufbau
In der dritten Phase transformiert sich die Grundordnung fundamental. Aus der defensiven 5-2-3 wird eine offensive 4-2-3-1-Struktur – und hier liegt eine taktische Besonderheit, die Alonsos Fingerabdruck trägt.

Traditionell rückt bei modernen Systemen der rechte Außenverteidiger nach vorne, um Überzahl im Aufbau zu schaffen. Alonso macht es anders: Alejandro Grimaldo auf der linken Seite erhält die Freiheit, aggressiv zu interpretieren und ins Mittelfeld vorzustoßen. Diese asymmetrische Lösung schafft eine zentral orientierte Aufbaustruktur, die schwer auszurechnen ist.
Die beiden Sechser bilden das Fundament. Einer bleibt tiefer, um Sicherheit zu garantieren und als Anspielstation für die Innenverteidiger zu dienen. Der andere – häufig Xhaka – erhält mehr Freiheit, zwischen die Linien zu rücken. Diese gestaffelte Positionierung verhindert, dass Gegenpressing beide Sechser gleichzeitig aus dem Spiel nimmt.
Kernprinzipien des Positionsspiels:
- Permanente Anspielbarkeit durch klare Positionsbezüge
- Besetzung aller vertikalen und horizontalen Linien
- Schnelle Ballzirkulation, aber immer mit Vorwärtsorientierung
- Rautenbildungen in Ballnähe für Kombinationsspiel
Die Ballzirkulation erfolgt niemals selbstzweckhaft. Jeder Pass hat das Ziel, entweder Pressing auszulösen und dadurch Räume zu öffnen, oder direkt Raumgewinn zu generieren.
Phase 4 – Mittelfeldprogression und Xhakas Schaltzentrale
Die vierte Phase ist vielleicht die anspruchsvollste im gesamten System. Hier entscheidet sich, ob aus kontrolliertem Ballbesitz echte Torgefahr wird. Granit Xhaka fungiert als Orchestrator dieser Phase und verkörpert perfekt, was Alonso unter einem modernen Sechser versteht.
Xhaka erhält ausdrückliche Freiheiten, die über klassische Sechser-Aufgaben hinausgehen. Er darf dribbeln, um Pressing zu brechen. Er darf zwischen die Linien vorstoßen, um Überzahl zu schaffen. Vor allem aber: Er hat die Autorität, mit penetrierenden Pässen Ketten zu überspielen, statt sich mit sicheren Seitenverlagerungen zufriedenzugeben.

Taktische Werkzeuge der Mittelfeldprogression:
| Element | Funktion | Erfolgsrate |
|---|---|---|
| Diagonalbälle auf Flügel | Pressing-Umgehung | Hoch |
| Vertikalpässe in Wirtz | Finale Passmöglichkeit | Mittel-Hoch |
| Seitenverlagerungen | Räume auf Gegenseite öffnen | Sehr hoch |
| Dribblings im Zentrum | Numerische Überzahl erzwingen | Mittel |
Die Mittelfeldprogression lebt von schnellen Spielverlagerungen. Ist eine Seite kompakt verteidigt, erfolgt die Verlagerung auf die Gegenseite innerhalb weniger Pässe. Diese Geschwindigkeit zwingt gegnerische Defensivformationen zu permanenten Verschiebungen, wodurch zwangsläufig Räume entstehen.
Entscheidend ist dabei die Intelligenz der Angriffsspieler. Wirtz und die Flügel bewegen sich ständig zwischen den Linien, bieten sich für Rückpässe an und kreieren damit Passoptionen, die den Rhythmus aufrechterhalten, selbst wenn direkte Durchbrüche nicht möglich sind.
Phase 5 – Finalisierung im letzten Drittel
Die fünfte und finale Phase beginnt, sobald Leverkusen das letzte Drittel erreicht. Hier zeigt sich die Qualität von Alonsos System besonders deutlich: Trotz aller Struktur in den ersten vier Phasen erlaubt er im Abschlussbereich hohe kreative Freiheit.
Das Prinzip lautet: zielorientiertes Passspiel statt endloser Kombinationen vor dem Strafraum. Sobald ein halbwegs aussichtsreicher Passweg in den Sechzehner existiert, soll dieser gesucht werden. Rückwärtspässe aus dem letzten Drittel sind erlaubt, aber nur, um einen besseren Angriffswinkel zu schaffen, nicht zur bloßen Ballsicherung.
Charakteristika der Finalisierungsphase:
- Mut zu vertikalen Pässen, auch bei geringerer Erfolgswahrscheinlichkeit
- Bewegung ohne Ball durch ständige Positionswechsel der Offensivspieler
- Nutzung von Tempo und Eins-gegen-eins-Stärke in Halbräumen
- Schnelle Abschlüsse statt überkombiniertem Spiel
Die offensive Dreierreihe agiert dabei extrem flexibel. Positionen werden getauscht, Läufe in die Tiefe mit Bewegungen ins Mittelfeld kombiniert. Diese Dynamik macht es Verteidigern nahezu unmöglich, klare Zuordnungen zu finden.
Besonders wertvoll ist die Fähigkeit, auch aus halbgaren Situationen Gefahr zu kreieren. Nicht jeder Angriff muss perfekt choreografiert sein – die Qualität der Einzelspieler erlaubt es, auch aus Übergangsmomenten heraus Chancen zu generieren.
Taktische Flexibilität als Überprinzip
Was alle fünf Phasen verbindet, ist Alonsos Fähigkeit zur situativen Anpassung. Die beschriebenen Phasen sind keine starren Vorgaben, sondern Rahmenprinzipien, die je nach Gegner und Spielsituation modifiziert werden.
Gegen tiefstehende Gegner erhöht Leverkusen den Ballbesitzanteil und sucht geduldiger nach Lücken. Gegen pressingstarke Teams werden die Phasen zwei und drei beschleunigt, um das Mittelfeld schneller zu überspielen. Gegen offensiv ausgerichtete Mannschaften gewinnt Phase eins an Bedeutung, während die Konterphasen direkter gestaltet werden.
Diese Anpassungsfähigkeit bei gleichzeitigem Festhalten an Kernprinzipien unterscheidet Alonsos Arbeit von vielen anderen Trainern. Seine Mannschaft verfügt über ein klares taktisches Fundament, bleibt aber variabel genug, um auf unterschiedlichste Herausforderungen zu reagieren. Das fünfphasige Aufbaumodell bildet dabei das Gerüst, auf dem jede Spielidee aufbaut – egal ob gegen defensiv orientierte Bundesliga-Teams oder gegen Champions-League-Topklubs.
