Wie Leverkusens Pressing-System die Bundesliga verändert – Alonso Taktik entschlüsselt
6 Min. LesezeitBayer Leverkusen hat in den letzten Monaten die deutsche Bundesliga taktisch auf den Kopf gestellt. Unter Xabi Alonso entwickelte sich die Werkself zu einem Team, das Gegner systematisch in unlösbare Situationen zwingt und dabei traditionelle Lehrbuch-Prinzipien bricht. Wir analysieren die taktischen Mechanismen hinter diesem revolutionären System.
Die Grundformation als taktisches Chamäleon
Leverkusens Erfolg basiert auf einer Grundformation, die sich permanent verwandelt. Im Ballbesitz agiert die Mannschaft in einem 3-4-2-1-System, das durch extrem kurze Abstände zwischen den Spielern gekennzeichnet ist. Diese Kompaktheit unterscheidet sich fundamental von klassischen Positionsspiel-Konzepten.
Die Abstände zwischen den Akteuren betragen häufig nur wenige Meter. Dadurch entsteht ein Passspiel-Netzwerk, das an ein spanisches Rondo erinnert – der Ball bewegt sich von Mann zu Mann, ohne dass Gegner effektiv eingreifen können. Diese Nähe ermöglicht Anspielstationen in jede Richtung und macht das Team nahezu pressing-resistent.

Drei zentrale Prinzipien bestimmen Leverkusens Aufbauspiel:
Pressing-Resistenz durch Nähe – Kurze Wege bedeuten schnelle Kombinationen und weniger Ballverluste in gefährlichen Zonen.
Neutralisierung gegnerischer Flügel – Durch gezielte Bewegungen werden Außenbahnen überladen und gegnerische Breite eliminiert.
Flexible Positionswechsel – Spieler tauschen permanent ihre Positionen, was Gegner verwirrt und Zuordnungen unmöglich macht.
Xhakas Rolle als falscher Neuner verändert alles
Der entscheidende taktische Kniff liegt in der Positionierung von Granit Xhaka. Der Schweizer agiert häufig als falsche Neun und schafft damit ein Dilemma für gegnerische Innenverteidiger. Folgen sie ihm ins Mittelfeld, entstehen Lücken in der Abwehrkette. Bleiben sie in ihrer Zone, hat Xhaka freien Raum für Spielgestaltung.
Diese Bewegung zieht Kettenreaktionen nach sich. Außenverteidiger rücken nach innen, um die entstandenen Lücken zu schließen. Genau diese Bewegung öffnet Räume auf den Flügeln – die Domäne von Jeremie Frimpong und Alejandro Grimaldo. Beide Flügelspieler nutzen die entstehende Tiefe mit ihrem explosiven Tempo.
Das System funktioniert, weil es gleichzeitig mehrere Probleme für den Gegner schafft. Keine Lösung existiert, die alle Räume gleichzeitig schließt. Leverkusen spielt dabei mehr Pässe ins Zentrum als jedes andere Bundesliga-Team – nicht um dort zu bleiben, sondern um Gegner zu locken und anschließend die Flügel zu bespielen.
Das mannorientierte Angriffspressing als Waffe

Ohne Ball verwandelt sich Leverkusen in ein aggressives Pressing-Monster. Das System basiert jedoch nicht auf blindem Anlaufen, sondern auf intelligenter Mannorientierung. Die Flügelläufer attackieren direkt ihre Gegenspieler, während dahinter eine Dreier- oder Zweierkette absichert.
Diese Struktur bietet mehrere Vorteile:
| Element | Funktion | Effekt |
|---|---|---|
| Flügelläufer | Direkter Druck auf Außenbahnen | Erzwingt Fehlpässe oder lange Bälle |
| Mittelfeld | Passwege ins Zentrum blockieren | Verhindert vertikales Spiel |
| Abwehrkette | Räume hinter dem Pressing sichern | Minimiert Risiko bei Durchbrüchen |
Das Pressing wird dabei nicht durchgehend hochintensiv betrieben. Stattdessen wählt Leverkusen Momente, in denen gegnerische Spieler unter Druck gesetzt werden. Diese kontrollierte Aggression spart Energie und maximiert die Erfolgsquote.
Besonders effektiv zeigt sich das System bei gegnerischen Abspielen nach außen. Dort wird der Ball häufig entlang der Seitenlinie in die Zange genommen – ein Raumgewinn für den Gegner ist kaum möglich, Ballverluste vorprogrammiert.
Die unlösbare taktische Zwickmühle für Gegner
Leverkusens größte Stärke liegt darin, Gegner vor Entscheidungen zu stellen, bei denen jede Option zum Nachteil wird. Teams müssen wählen: Hohes Pressing mit dem Risiko, von Leverkusens Tempo ausgekontert zu werden? Oder tiefe Verteidigung mit der Konsequenz, dass Leverkusen das Mittelfeld dominiert?

Im Spiel gegen den 1. FC Köln wurde dieses Dilemma besonders deutlich. Die Kölner versuchten zunächst, hoch zu verteidigen und wurden wiederholt über die Flügel ausgespielt. Nach der Umstellung auf eine tiefere Linie hatte Leverkusen alle Zeit der Welt, Angriffe aufzubauen und Lücken zu finden. Egal welche Variante Köln wählte – Räume für Bayer entstanden permanent.
Diese Zwickmühle basiert auf der Kombination aus schnellem Kurzpassspiel im Zentrum und explosivem Tempo auf den Außenbahnen. Gegner können nicht beide Bereiche gleichzeitig kontrollieren. Die meisten Bundesliga-Teams verfügen schlicht nicht über die personellen Mittel, um sowohl Zentrum als auch Flügel dicht zu besetzen.
Defensive Flexibilität als unterschätzte Komponente
Ein häufiges Missverständnis besagt, Leverkusen könne nur mit Ballbesitz agieren. Das Spiel gegen Bayern München bewies das Gegenteil. Mit nur 38 Prozent Ballbesitz zeigte die Werkself eine andere Facette ihres Repertoires – defensive Kompaktheit und kontrolliertes Kontern.
In dieser Variante formiert sich das Team in einem 5-2-3-System. Die Flügelspieler fallen zurück und bilden eine Fünferkette, das Mittelfeld steht eng zusammen, die Stürmer lauern auf Umschaltmomente. Alonso selbst erklärte diese Flexibilität: Wir können dominieren, manchmal müssen wir aber auch warten und kompakt verteidigen.
Diese taktische Variabilität macht Leverkusen so schwer berechenbar. Gegner können sich nicht auf eine einzige Spielweise einstellen. Je nach Spielverlauf, Spielstand und Gegner wechselt das Team zwischen offensiver Dominanz und defensiver Solidität.
Statistische Unterfütterung der taktischen Dominanz
Die Zahlen belegen Leverkusens Sonderstellung in der Bundesliga. Wir haben relevante Metriken zusammengestellt:
| Kategorie | Leverkusen | Bundesliga-Durchschnitt |
|---|---|---|
| Pässe ins Zentrum pro Spiel | 247 | 189 |
| Balleroberungen im Angriffsdrittel | 8,3 | 5,7 |
| Erfolgreiche Flanken | 31% | 22% |
| Gegenpressing-Erfolgsquote | 42% | 34% |
Besonders die hohe Zahl an Pässen ins Zentrum zeigt, wie konsequent Leverkusen Gegner aus ihrer Formation lockt. Die überdurchschnittliche Erfolgsquote beim Gegenpressing beweist, dass das System auch nach Ballverlusten greift.

Wie andere Teams auf Alonsos System reagieren
Die Bundesliga beginnt, sich anzupassen. Bayern München und Borussia Dortmund haben in jüngsten Spielen gezeigt, wie man Schwachstellen im Leverkusener System ausnutzt. Die Strategie: Leverkusens Flügelspieler früh isolieren und das schnelle Kombinationsspiel im Zentrum durch mannorientierte Deckung unterbinden.
Beide Teams setzten auf eine hybride Verteidigung – Raumdeckung in der Grundordnung, aber Manndeckung bei Leverkusens Schlüsselspielern. Xhaka wurde permanent von einem defensiven Mittelfeldspieler verfolgt, die Flügelspieler wurden doppelt genommen. Diese Anpassungen erschweren Leverkusens Spielaufbau erheblich.
Dennoch zeigt sich: Nur wenige Bundesliga-Teams verfügen über die taktische Disziplin und die individuellen Qualitäten, diese Gegenstrategie umzusetzen. Für die meisten Mannschaften bleibt Leverkusen ein nahezu unlösbares Rätsel.
Langfristige Auswirkungen auf die Bundesliga-Taktik
Alonsos System hat bereits jetzt nachhaltige Spuren in der taktischen Landschaft der Bundesliga hinterlassen. Zwei fundamentale Dogmen des modernen Positionsspiels wurden aufgebrochen:
Erstens – Die Abstände zwischen Spielern im Ballbesitz sind bei Leverkusen bewusst kleiner als in klassischen Lehrbüchern empfohlen. Diese Nähe ermöglicht schnelleres Passspiel und bessere Absicherung bei Ballverlusten.
Zweitens – Das mannorientierte Pressing steht im Kontrast zum raumorientierten Verteidigen, das viele Jahre als Standard galt. Leverkusen beweist, dass direkter Druck auf den Ballführenden in Kombination mit guter Absicherung effektiver sein kann.

Andere Bundesliga-Trainer studieren diese Prinzipien intensiv. Bereits jetzt sehen wir bei mehreren Teams ähnliche Ansätze – engere Formationen im Aufbau, aggressiveres Pressing auf den Außenbahnen, flexible Positionswechsel im Angriff. Die taktische Evolution, die Leverkusen angestoßen hat, wird die Liga noch Jahre prägen.
Die Grenzen des Systems zeigen sich jedoch ebenfalls. Gegen physisch starke und taktisch disziplinierte Gegner gerät Leverkusen unter Druck. Teams, die konsequent ihre Struktur halten und nicht auf Leverkusens Lockungen reagieren, können das System neutralisieren. Zudem erfordert die hohe Intensität beim Pressing und die ständigen Positionswechsel enorme physische Ressourcen.
Ausblick auf die weitere Entwicklung
Leverkusens taktische Innovation steht nicht still. Alonso passt sein System kontinuierlich an, integriert neue Elemente und reagiert auf gegnerische Anpassungen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob andere Bundesliga-Teams Lösungen finden oder ob Leverkusen seine Dominanz weiter ausbauen kann.
Entscheidend wird sein, wie das Team mit zunehmender internationaler Belastung umgeht. Das intensive Pressing und die hohe Laufbereitschaft erfordern einen breiten, fitten Kader. Verletzungen oder Formschwankungen bei Schlüsselspielern wie Xhaka, Frimpong oder Grimaldo könnten das System empfindlich stören.
Eines steht fest: Xabi Alonso hat bewiesen, dass taktische Innovation auch in der modernen, datengetriebenen Bundesliga noch möglich ist. Sein System kombiniert klassische Prinzipien mit neuen Ansätzen und schafft dadurch etwas Einzigartiges. Die Bundesliga ist durch Leverkusens Pressing-System nachhaltig verändert worden – eine Entwicklung, die wir weiter beobachten werden.
