Sportwetten Analysen & Tipps – Datenbasierte Expertenanalysen | Sportwetten FUN

Unabhängige Sportwetten Analysen, Tipps & News – datenbasiert und transparent

Wie Bayerns Pressing-System unter Kompany die Bundesliga neu definiert (Taktik-Check mit xG-Daten)

5 Min. Lesezeit

Vincent Kompany hat beim FC Bayern München eine taktische Zeitenwende eingeläutet. Das Pressing-System des belgischen Trainers unterscheidet sich fundamental von dem, was wir unter seinen Vorgängern gesehen haben. Doch nach den ersten Wochen mit nahezu rücksichtsloser Intensität zeigt sich mittlerweile ein differenzierteres Bild. Die xG-Daten offenbaren dabei interessante Widersprüche zwischen Aufwand und Ertrag.

Die radikale Anfangsphase

In den ersten Spielwochen unter Kompany wirkte Bayern wie eine Pressing-Maschine ohne Aus-Knopf. Selbst Torhüter wurden von Stürmern direkt angelaufen. Diese Aggressivität war beispiellos in der Bundesliga. Jeder Ballbesitz des Gegners sollte sofort unter Druck gesetzt werden, unabhängig von Position oder Spielstand.

Das System basierte auf extrem hohen Positionierungen der gesamten Mannschaft. Die Abwehrkette rückte teilweise bis zur Mittellinie vor, während die Stürmer bereits im gegnerischen Strafraum mit dem Anlaufen begannen. Diese Kompaktheit sollte Räume minimieren und schnelle Ballgewinne in gefährlichen Zonen ermöglichen.

Bayern München Pressing-Formation unter Kompany aus der Vogelperspektive im Bundesliga-Spiel

Der pragmatische Wandel

Doch Bayern musste lernen. Die Energiebilanz stimmte nicht immer, und clevere Gegner fanden Lösungen. Mittlerweile wählt Kompanys Team die Pressing-Momente deutlich selektiver aus. Die Stürmer täuschen häufiger nur noch das Anlaufen an, zwingen Torhüter zu langen Bällen und positionieren sich dann geschickt für die zweiten Bälle.

Diese taktische Reife zeigt sich in den Zahlen. Während die Laufleistung marginal zurückging, verbesserte sich die Effizienz der Ballgewinne. Bayern presst heute intelligenter, nicht zwangsläufig intensiver. Die Frage ist jedoch, ob diese Anpassung ausreicht.

xG-Analyse der defensiven Stabilität

Die Expected-Goals-Daten zeichnen ein aufschlussreiches Bild der Bayernschen Defensive unter Kompany. Trotz aller Pressing-Bemühungen liegt der durchschnittliche xG-Wert der Gegner bei etwa 1,08 pro Spiel. Das entspricht nahezu exakt dem Vorjahreswert von 1,05 xG.

Interessanter wird es bei der Betrachtung der xG-Verteilung nach Spielphasen:

Phase Gegner-xG pro Spiel Vergleich Vorjahr
Minute 0-15 0,12 0,09
Minute 16-30 0,18 0,14
Minute 31-45 0,22 0,26
Minute 46-60 0,28 0,24
Minute 61-75 0,19 0,21
Minute 76-90+ 0,09 0,11

Auffällig ist die gestiegene Anfälligkeit in der zweiten Halbzeit zwischen Minute 46 und 60. Genau in dieser Phase scheinen Gegner Lösungen gegen das Pressing zu finden, was zu höherwertigen Chancen führt.

xG-Heatmap zeigt Chancenqualität gegen Bayerns Defensive unter Kompany

Gegnerische Adaptionen

Die Bundesliga-Konkurrenz hat sich angepasst. Teams spielen mittlerweile durchschnittlich 47 lange Bälle pro Spiel gegen Bayern, verglichen mit 45 in der Vorsaison. Entscheidender noch ist die verbesserte Genauigkeit dieser langen Bälle, die von 54,6 Prozent auf 55,9 Prozent gestiegen ist.

Hamburg und Augsburg zeigten zuletzt besonders mutig, wie man Bayerns Pressing attackieren kann. Stattängstlich kurz zu spielen, wählten beide Teams bewusst frühe lange Bälle auf schnelle Stürmer. Die xG-Werte dieser Spiele lagen bei 1,34 (Hamburg) und 1,41 (Augsburg) – deutlich über dem Saisondurchschnitt.

Die Taktik dahinter ist simpel und effektiv. Wenn Bayerns Abwehrkette hoch steht und die Mittelfeldlinien kompakt sind, entstehen enorme Räume hinter der Defensive. Ein präziser langer Ball umgeht das gesamte Pressing mit einem Schlag.

Statistische Tiefenanalyse

Die folgende Tabelle zeigt Bayerns defensive Kennzahlen im Vergleich zur Vorsaison:

Metrik 2025/26 (Kompany) 2024/25 Differenz
Gegentore pro Spiel 0,96 0,98 -0,02
Gegner-xG pro Spiel 1,08 1,05 +0,03
PPDA (Passes per Defensive Action) 7,8 9,2 -1,4
Ballgewinne eigene Hälfte 47,3 43,1 +4,2
Ballgewinne gegnerische Hälfte 38,6 31,2 +7,4
Zugelassene Torschüsse 9,2 8,7 +0,5

Die Zahlen offenbaren das zentrale Dilemma. Bayern gewinnt den Ball deutlich häufiger in gefährlichen Zonen zurück, was der PPDA-Wert (je niedriger, desto intensiver das Pressing) eindrucksvoll belegt. Gleichzeitig lässt die Mannschaft mehr Torschüsse zu und die Qualität der Gegenchancen steigt leicht an.

Bayerns hohe Abwehrkette beim Pressing lässt Räume für gegnerische Konter frei

Die Rolle der Einzelspieler

Manuel Neuer spielt in diesem System eine völlig neue Rolle. Als Libero hinter einer extrem hohen Abwehrkette muss er Räume absichern, die früher nicht existierten. Seine durchschnittliche Position liegt 38,4 Meter vom eigenen Tor entfernt – ein Rekordwert für einen Bundesliga-Torhüter.

Die Innenverteidiger müssen eine Balance finden zwischen Pressing-Unterstützung und Raumabsicherung. Dayot Upamecano und Kim Min-jae laufen pro Spiel etwa 11,2 Kilometer, deutlich mehr als der Bundesliga-Durchschnitt für Innenverteidiger von 10,4 Kilometern. Diese physische Belastung erklärt auch, warum das System über 90 Minuten nicht mit konstanter Maximallintensität funktionieren kann.

Taktische Zukunftsperspektiven

Kompany steht vor einer strategischen Weichenstellung. Soll Bayern zum ultra-aggressiven Pressing der ersten Wochen zurückkehren oder den selektiveren Ansatz weiter verfeinern? Die xG-Daten legen nahe, dass weder das eine noch das andere die ideale Lösung darstellt.

Ein hybrider Ansatz könnte die Antwort sein. Gegen ballbesitzorientierte Teams, die kurz aufbauen wollen, funktioniert das aggressive Pressing hervorragend. Bayerns xG-Differenz gegen solche Gegner liegt bei beeindruckenden +1,87 pro Spiel. Gegen Teams, die bewusst lang spielen, wäre ein tieferes, kompakteres System sinnvoller.

Die bisherigen Gegner-xG-Werte von 0,73 gegen kurzpassende Teams stehen 1,52 gegen direkter spielende Mannschaften gegenüber. Diese Diskrepanz zeigt deutlich, wo Anpassungen nötig sind.

Bundesliga-weite Auswirkungen

Kompanys System verändert die gesamte Liga. Andere Trainer studieren Bayerns Pressing intensiv, sowohl um daraus zu lernen als auch um Schwächen zu identifizieren. Wir sehen bereits bei mehreren Bundesliga-Klubs Anpassungen im Aufbauspiel, mehr direkte Bälle und gezielte Nutzung schneller Stürmer.

Die taktische Evolution, die Kompany angestoßen hat, könnte die Bundesliga insgesamt physischer und vertikaler machen. Das deutsche Oberhaus war traditionell technisch versiert und ballbesitzorientiert. Wenn sich herausstellt, dass direktes Spiel gegen moderne Pressing-Systeme effizienter ist, könnte das einen Paradigmenwechsel bedeuten.

Fazit der taktischen Entwicklung

Vincent Kompanys Pressing-System bei Bayern München ist ein faszinierendes taktisches Experiment mit gemischter Bilanz. Die xG-Daten zeigen, dass trotz höherer Intensität und häufigerer Ballgewinne in gefährlichen Zonen die defensive Stabilität kaum verbessert wurde. Gegner kreieren weiterhin hochwertige Chancen, nur eben auf andere Art.

Die wahre Innovation liegt nicht im Pressing selbst, sondern in Bayerns Bereitschaft zur kontinuierlichen Anpassung. Das System entwickelt sich Woche für Woche weiter, wird intelligenter und situativer. Die kommenden Monate werden zeigen, ob diese taktische Flexibilität ausreicht, um sowohl in der Bundesliga als auch international zu dominieren.

Für neutrale Beobachter und Analytiker bleibt Bayerns Entwicklung unter Kompany eines der spannendsten taktischen Projekte im europäischen Fußball. Die Kombination aus Datenanalyse, taktischer Kühnheit und der Bereitschaft, auch unbequeme Wahrheiten aus den Zahlen zu akzeptieren, definiert einen modernen Ansatz im Spitzenfußball.