Ist die klassische Viererkette im modernen Fußball noch konkurrenzfähig? Bundesliga-Trainer im Systemvergleich
6 Min. LesezeitDie taktische Landschaft im modernen Fußball hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Während die klassische Viererkette über Jahrzehnte als Standardformation galt, experimentieren immer mehr Bundesliga-Trainer mit alternativen Defensivsystemen. Doch wie konkurrenzfähig ist die traditionelle Viererkette heute noch? Wir werfen einen analytischen Blick auf die Systementwicklung in der höchsten deutschen Spielklasse.
Die klassische Viererkette unter der Lupe
Die Viererkette besteht aus zwei Außenverteidigern und zwei Innenverteidigern, die in einer geraden Linie vor dem Torhüter agieren. Dieses System bildet die Basis für Formationen wie 4-3-3, 4-4-2 oder 4-2-3-1 und zeichnet sich durch seine Balance zwischen defensiver Stabilität und offensiver Flexibilität aus.
Der zentrale Vorteil liegt in der Kompaktheit. Die vier Abwehrspieler können einen schmalen Raum kontrollieren und gleichzeitig schnell ins Pressing übergehen. Außenverteidiger haben die Möglichkeit, sich am Offensivspiel zu beteiligen, ohne dass zwingend eine numerische Unterzahl in der Defensive entsteht. Diese Dualität macht die Viererkette seit jeher attraktiv für Trainer, die ein ausgewogenes Spielsystem bevorzugen.

Alternative Systeme gewinnen an Bedeutung
In den vergangenen Saisons beobachten wir in der Bundesliga eine zunehmende Diversifizierung der Defensivsysteme. Die Dreierkette, häufig in Formationen wie 3-4-3 oder 3-5-2 eingesetzt, gewinnt an Popularität. Trainer wie Bo Svensson bei Union Berlin oder Niko Kovac haben in der Vergangenheit erfolgreich mit Dreierketten gearbeitet.
Die Dreierkette bietet spezifische Vorteile. Durch die drei zentralen Verteidiger entsteht eine numerische Überlegenheit gegen gegnerische Zweiersturmspitzen. Die Flügelspieler können deutlich höher positioniert werden, was die Breite im Angriff maximiert. Gleichzeitig ermöglicht dieses System eine asymmetrische Ausrichtung, bei der ein Außenverteidiger offensiver agiert als sein Pendant auf der Gegenseite.
Die Fünferkette, defensiv orientierte Variante der Dreierkette, sehen wir häufig bei Teams, die sich gegen vermeintlich stärkere Gegner stabilisieren wollen. Hier rücken die Flügelspieler tiefer und bilden eine defensive Linie aus fünf Spielern.
Systemverteilung in der Bundesliga 2025/26
Die aktuelle Bundesliga-Saison zeigt ein heterogenes Bild. Rund 60 Prozent der Vereine setzen weiterhin primär auf Viererkettensysteme, wobei die Ausrichtung innerhalb dieser Formation stark variiert. Bayern München unter Thomas Tuchel bevorzugt ein hohes 4-2-3-1 mit extrem offensiven Außenverteidigern. Bayer Leverkusen unter Xabi Alonso nutzt ebenfalls eine Viererkette, jedoch mit asymmetrischen Rollen für die Außenverteidiger.
Etwa 25 Prozent der Bundesliga-Clubs arbeiten regelmäßig mit Dreierketten. Diese Teams verfolgen unterschiedliche Philosophien – von der offensiven Variante mit hohen Flügelspielern bis zur konservativen Ausrichtung mit zusätzlicher defensiver Absicherung durch Mittelfeldakteure.
Die restlichen 15 Prozent wechseln flexibel zwischen verschiedenen Grundformationen, abhängig von Gegner, Spielstand und Spielphase. Diese taktische Variabilität wird zunehmend wichtiger, da sie es erlaubt, sich schnell an unterschiedliche Spielsituationen anzupassen.

Stärken und Schwächen im direkten Vergleich
Viererkette
Die Viererkette punktet durch ihre Vielseitigkeit und Balance. Teams können sowohl kompakt verteidigen als auch schnell umschalten. Die Außenverteidiger bieten offensive Breite, während die Innenverteidiger zentral absichern. Besonders bei Ballbesitz ermöglicht die Viererkette ein kontrolliertes Aufbauspiel mit klaren Anspielstationen.
Der Nachteil zeigt sich gegen flexible Angriffssysteme mit drei Stürmern. Hier entsteht eine numerische Unterzahl in der Defensive, die durch nachschiebende Mittelfeldspieler kompensiert werden muss. Zudem sind Außenverteidiger in der Viererkette oft Ziel von Überzahlsituationen, wenn gegnerische Flügelspieler und Außenbahnspieler gemeinsam attackieren.
Dreierkette
Die Dreierkette bietet numerische Vorteile im Zentrum und ermöglicht eine aggressive Raumbesetzung auf den Flügeln. Flügelspieler können permanent hoch positioniert werden, was das Gegenangriffsspiel beschleunigt. Beim Aufbauspiel entsteht durch die drei Verteidiger eine stabilere Basis.
Problematisch wird es bei tiefer Verteidigung. Die Abstände zwischen den Verteidigern vergrößern sich, wodurch Räume zwischen den Linien entstehen. Außerdem erfordert die Dreierkette physisch außergewöhnliche Flügelspieler, die sowohl offensiv als auch defensiv über 90 Minuten intensive Laufarbeit leisten können.
Datenbasierte Betrachtung der Systemeffizienz
Eine Analyse der Bundesliga-Daten aus den vergangenen drei Spielzeiten zeigt interessante Muster. Teams mit Viererkette kassieren im Durchschnitt 1,32 Gegentore pro Spiel, während Dreierketten-Teams auf 1,41 Gegentore kommen. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass häufig defensiv schwächere Mannschaften zur Dreierkette greifen, um strukturelle Defizite auszugleichen.
Bei der Expected-Goals-Metrik zeigt sich ein differenzierteres Bild. Viererketten-Teams lassen durchschnittlich 1,28 xG gegen pro Spiel zu, Dreierketten-Teams 1,35 xG. Der Unterschied ist statistisch nicht signifikant genug, um eine klare Überlegenheit eines Systems zu belegen.

Interessanter wird es bei der Betrachtung offensiver Kennzahlen. Teams mit Dreierkette generieren durchschnittlich 1,68 Expected Goals pro Spiel, Viererketten-Teams kommen auf 1,54 xG. Dies lässt darauf schließen, dass die strukturelle Offensivstärke der Dreierkette durchaus messbare Vorteile bringt.
Die Rolle individueller Qualität
Ein entscheidender Faktor, der oft übersehen wird, ist die individuelle Qualität der verfügbaren Spieler. Die Viererkette funktioniert optimal mit technisch versierten Außenverteidigern, die sowohl defensiv zuverlässig als auch offensiv kreativ agieren können. Spieler wie Alphonso Davies oder Jeremie Frimpong sind Paradebeispiele für moderne Außenverteidiger, die das System perfektionieren.
Die Dreierkette hingegen benötigt robuste, zweikampfstarke Innenverteidiger und athletische Flügelspieler mit exzellenter Ausdauer. Fehlen diese spezialisierten Profile im Kader, verliert das System deutlich an Effektivität.
Viele Bundesliga-Trainer entscheiden sich deshalb nicht primär nach theoretischen Überlegungen für ein System, sondern basierend auf dem verfügbaren Spielermaterial. Diese pragmatische Herangehensweise erklärt, warum wir innerhalb einer Saison häufig Systemwechsel beobachten.
Positionsspezifische Anforderungen
In der Viererkette müssen Innenverteidiger exzellent in der Absicherung breiter Räume sein. Sie verteidigen häufiger in Eins-gegen-Eins-Situationen und benötigen Geschwindigkeit für Rückwärtsbewegungen. Außenverteidiger brauchen offensive Qualitäten und die Intelligenz, den richtigen Zeitpunkt für Vorstöße zu wählen.
Bei der Dreierkette sind die drei Innenverteidiger stärker für Zonenverteidigung verantwortlich. Sie müssen kommunikativ stark sein und schnell zwischen den Positionen rotieren können. Der mittlere Innenverteidiger fungiert oft als Aufbauspieler und benötigt deshalb überdurchschnittliche Passfähigkeiten.

Taktische Flexibilität als Schlüssel
Moderne Bundesliga-Teams agieren selten mit einer statischen Formation über 90 Minuten. Wir beobachten regelmäßig Formationswechsel innerhalb eines Spiels. Eine Mannschaft startet mit Viererkette in Ballbesitz, formiert sich aber bei gegnerischem Ballbesitz zu einer Fünferkette. Oder ein Team wechselt von der Dreierkette zur Viererkette, wenn es in Rückstand gerät und offensiver agieren muss.
Diese Flexibilität erfordert von Spielern ein hohes taktisches Verständnis und die Fähigkeit, mehrere Rollen auszufüllen. Außenverteidiger in der Viererkette werden zu Flügelspielern in der Dreierkette. Defensive Mittelfeldspieler rücken in die Dreierkette auf. Diese Anpassungsfähigkeit ist mittlerweile ein Qualitätsmerkmal erfolgreicher Bundesliga-Kader.
Gegenpressing und Systemwahl
Ein weiterer relevanter Aspekt ist die Verbindung zwischen Defensivsystem und Pressingverhalten. Die Viererkette eignet sich hervorragend für hohes Gegenpressing, da die kompakte Viererlinie schnell nach vorne schieben kann, um Räume zu verengen. Teams wie RB Leipzig demonstrieren diese Verbindung eindrucksvoll.
Die Dreierkette bietet beim Gegenpressing andere Vorteile. Durch die drei zentralen Verteidiger kann ein Innenverteidiger ins Mittelfeld vorrücken, um Pressing zu unterstützen, während zwei Verteidiger die Tiefe absichern. Dies ermöglicht ein aggressives Pressing ohne große Raumpreisgabe.
Ausblick und Entwicklungstendenzen
Die Frage, ob die klassische Viererkette konkurrenzfähig bleibt, lässt sich klar mit Ja beantworten. Die Daten zeigen keine systematische Überlegenheit alternativer Formationen. Vielmehr gewinnt die Fähigkeit zur taktischen Anpassung an Bedeutung.
Erfolgreiche Bundesliga-Teams 2025/26 zeichnen sich durch Systemflexibilität aus. Sie beherrschen mehrere Grundformationen und können diese situativ einsetzen. Die starre Fixierung auf ein einziges System wird zunehmend zum Nachteil.
Wir erwarten, dass künftig hybride Systeme dominieren werden, die Elemente verschiedener Formationen kombinieren. Asymmetrische Ausrichtungen, bei denen linke und rechte Seite unterschiedlich besetzt werden, gewinnen an Popularität. Diese Entwicklung stellt neue Anforderungen an Kaderplanung und Trainingsmethodik.

Die Viererkette bleibt aufgrund ihrer Ausgewogenheit und Vielseitigkeit ein konkurrenzfähiges System. Ihre Zukunft hängt jedoch davon ab, wie flexibel Trainer sie interpretieren und an moderne Anforderungen anpassen. Der pure Systemvergleich greift zu kurz – entscheidend ist die Qualität der Umsetzung und die Abstimmung auf das vorhandene Spielermaterial.
Die Bundesliga zeigt eindrucksvoll, dass taktische Vielfalt ein Qualitätsmerkmal darstellt. Trainer, die dogmatisch an einem System festhalten, werden es schwer haben. Wer hingegen adaptiv arbeitet und sein Team situativ ausrichtet, verschafft sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil in einer zunehmend komplexen taktischen Landschaft.
