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Ist das Pressing tot? Warum Europas Elite-Teams wieder auf tiefe Verteidigung setzen

6 Min. Lesezeit

[HERO] Ist das Pressing dort? Warum Europas Elite-Teams wieder auf tiefe Verteidigung setzen

Die taktische Landschaft im europäischen Spitzenfußball durchläuft aktuell eine bemerkenswerte Transformation. Nach Jahren, in denen aggressives Hochpressing als Königsweg galt, beobachten wir eine Renaissance defensiverer Spielweisen. Teams, die zuvor bedingungslos den Ball jagen, ziehen sich nun bewusster zurück. Doch ist das Pressing tatsächlich tot oder erleben wir lediglich eine taktische Reifung?

Die Grenzen des permanenten Pressings

Das Hochpressing, wie es unter Jürgen Klopp bei Liverpool oder unter Pep Guardiola bei Manchester City perfektioniert wurde, dominierte das vergangene Jahrzehnt. Die Idee schien einfach: Den Gegner früh unter Druck setzen, Ballgewinne in gefährlichen Zonen erzwingen und schnell zum Torerfolg kommen. Doch diese Spielweise fordert ihren Tribut.

Die physischen Anforderungen permanenten Pressings sind enorm. Moderne GPS-Daten zeigen, dass Spieler in pressingintensiven Systemen pro Spiel bis zu 13 Kilometer zurücklegen, davon etwa 1,2 bis 1,5 Kilometer im Sprint. Diese Belastung führt zu erhöhten Verletzungsraten und Ermüdungserscheinungen, besonders in einer ohnehin überfüllten Saison mit Champions League, nationalen Pokalen und Länderspielen.

Kompakte Defensivlinie gegen Pressing-Angriff im europäischen Spitzenfußball

Zudem haben Gegner gelernt, mit konstantem Pressing umzugehen. Ballsichere Torhüter, strukturierter Spielaufbau über die Außenverteidiger und gezielte lange Bälle in die Tiefe neutralisieren häufig die Pressingsituation. Teams opfern nicht mehr kopflos den Ball, sondern spielen geduldiger und nutzen die Räume, die pressing-aggressive Mannschaften zwangsläufig hinterlassen.

Der strategische Shift zur Kompaktheit

Wir beobachten bei Europas Elite einen pragmatischeren Ansatz. Statt permanent zu pressen, wählen Trainer situatives Pressing – sie entscheiden bewusst, wann sie attackieren und wann sie sich zurückziehen. Diese Flexibilität erfordert taktische Reife und Disziplin.

Real Madrid unter Carlo Ancelotti demonstriert diesen Ansatz exemplarisch. Die Königlichen pressen selektiv, meist nur bei Eckbällen oder Einwürfen des Gegners in der eigenen Hälfte. Ansonsten formieren sie einen kompakten Mittelblock, der Räume verengt und auf Konterchancen lauert. Diese Spielweise schonte in der vergangenen Saison die älteren Stars wie Modrić und Kroos, während jüngere Spieler wie Valverde für explosive Gegenstöße frisch blieben.

Auch Inter Mailand unter Simone Inzaghi setzt auf strukturierte Defensive. Das 3-5-2-System ermöglicht eine Fünferkette in der Defensive, während die Flügelverteidiger bei Ballbesitz nach vorne rücken. Die zentrale Dreierabwehr bleibt stabil, und das Team presst nur, wenn der Gegner Schwächen im Aufbauspiel zeigt.

Statistische Evidenz des Wandels

Die Zahlen untermauern den taktischen Shift. Eine Analyse der Champions-League-Saison 2023/24 zeigt signifikante Veränderungen:

Metrik 2019/20 2023/24 Veränderung
Durchschn. PPDA (Gegnerische Pässe pro defensiver Aktion) 8,2 10,7 +30,5%
Ballgewinne im Angriffsdrittel (pro Spiel) 6,8 4,9 -27,9%
Durchschn. defensive Linie (Meter von eigenem Tor) 43,2m 38,6m -10,6%
Kontertore (% aller Tore) 18,3% 26,1% +42,6%

Der PPDA-Wert (Passes Allowed Per Defensive Action) ist besonders aufschlussreich: Je höher der Wert, desto mehr Pässe lässt ein Team zu, bevor es eine defensive Aktion startet. Der Anstieg von 8,2 auf 10,7 signalisiert deutlich weniger aggressives Pressing. Parallel dazu sank die durchschnittliche Position der defensiven Linie um fast fünf Meter – Teams stehen tiefer.

Taktiktafel zeigt Vergleich zwischen Hochpressing und tiefem Defensivblock

Der drastische Anstieg bei Kontertoren unterstreicht die veränderte Spielphilosophie: Statt durch Pressing zu dominieren, lauern Teams auf Fehler und nutzen die Geschwindigkeit des Umschaltmoments.

Taktische Katalysatoren der Transformation

Mehrere Faktoren treiben diese Entwicklung an. Der moderne Spielaufbau hat sich professionalisiert. Torhüter sind heute technisch versierte Feldspieler mit Ball am Fuß. Innenverteidiger splitten sich breit, Sechser lassen sich tief fallen – diese Strukturen schaffen numerische Überlegenheit gegen das Pressing. Ein Team mit drei Innenverteidigern plus Torwart hat gegen zwei Stürmer automatisch Überzahl im ersten Drittel.

Die Regeländerungen bezüglich Auswechselungen (fünf statt drei) begünstigen ebenfalls defensive Stabilität. Trainer können frische Spieler für entscheidende Defensivaufgaben bringen, ohne ihre offensiven Optionen zu kompromittieren. Ein müder Innenverteidiger in der 70. Minute gegen schnelle Konterspieler? Kein Problem mehr – einfach wechseln.

Zudem hat die Videoanalyse Pressing-Muster transparent gemacht. Jedes Team kennt mittlerweile die Pressingauslöser des Gegners. Wenn Liverpool beispielsweise immer presst, sobald der Ball zum Innenverteidiger geht, kann der Gegner dies gezielt umspielen oder mit langen Bällen neutralisieren. Das Element der Überraschung fehlt.

Die neue Defensive-Balance in der Praxis

Atletico Madrid verkörpert seit Jahren erfolgreich defensive Stabilität, doch selbst Diego Simeones Team hat sich weiterentwickelt. Statt purem Abwehrriegel kombiniert Atletico nun kompakte Defensive mit schnellen Übergängen. Spieler wie Antoine Griezmann fallen tief zurück, um bei Ballgewinn sofort in die Offensive zu schalten.

Manchester City zeigt unter Guardiola, dass auch pressingorientierte Teams adaptieren. City presst nicht mehr bedingungslos über 90 Minuten. Stattdessen wählt das Team Momente: Wenn der Gegner den Ball in einer ungünstigen Position hat oder wenn City selbst den Ball verloren hat und sofort zurückerobern will (Gegenpressing). Ansonsten formiert City einen Mittelblock um die Mittellinie und kontrolliert über Ballbesitz.

Schneller Konterangriff eines Elite-Teams nach defensiver Kompaktheit

Bayern München unter Thomas Tuchel experimentierte vergangene Saison ebenfalls mit defensiverer Ausrichtung in großen Champions-League-Spielen. Die Viererkette rückte kompakter zusammen, Joshua Kimmich agierte als Libero vor der Abwehr, und die Flügelspieler arbeiteten mehr nach hinten mit. Diese Anpassung zielte darauf ab, gegen technisch überlegene Gegner nicht auseinandergezogen zu werden.

Expected Goals und defensive Effizienz

Die Expected-Goals-Metrik (xG) liefert weitere Einblicke. Teams mit tiefer Verteidigung erlauben zwar mehr Schüsse, aber oft aus weniger gefährlichen Positionen. Ein Schuss aus 25 Metern hat einen xG-Wert von etwa 0,03 – es braucht also statistisch 33 solcher Schüsse für ein Tor. Ein Schuss nach Ballverlust im eigenen Aufbau aus zentraler Position im Strafraum hat einen xG-Wert von 0,35 oder höher.

Spielweise Schüsse gegen (pro Spiel) xG gegen (pro Spiel) Effizienz
Hohes Pressing 8,2 1,4 0,171 xG/Schuss
Mittelblock 11,6 1,1 0,095 xG/Schuss
Tiefer Block 14,8 1,3 0,088 xG/Schuss

Die Zahlen zeigen: Während Teams mit tiefem Block mehr Schüsse zulassen, ist die Qualität dieser Chancen geringer. Der xG-Wert pro Schuss ist fast doppelt so niedrig wie beim hohen Pressing. Das erklärt, warum defensiv ausgerichtete Teams in sportwetten-relevanten Märkten wie "Under 2,5 Tore" häufig Wert bieten.

Die Rolle der Systemspieler

Diese taktische Evolution verändert auch die Anforderungen an Spielertypen. Klassische Pressing-Monster wie N'Golo Kanté verlieren an Bedeutung, während intelligente Positionsspieler wie Rodri oder Aurélien Tchouaméni gefragter werden. Diese Spieler verstehen Räume, antizipieren Passwege und können bei Ballgewinn sofort das Spiel nach vorne eröffnen.

Auch Innenverteidiger müssen umdenken. Statt permanent rauszurücken und Pressing zu unterstützen, ist nun Kompaktheit gefragt. Die Abstände zwischen den Ketten müssen stimmen – maximal 10 bis 15 Meter zwischen Abwehr und Mittelfeld. Diese Disziplin verhindert, dass Gegner Pässe durch die Linien spielen.

Taktikanalyse mit Heatmaps zur defensiven Positionierung im modernen Fußball

Torhüter werden zur ersten offensiven Waffe. Bei tiefstehender Mannschaft ist der schnelle Konter über lange Bälle entscheidend. Keeper wie Ederson oder Alisson beherrschen präzise 40-Meter-Pässe auf die Flügel, die Konter einleiten. Diese Fähigkeit ist in defensiven Systemen Gold wert.

Ist Pressing wirklich tot?

Nein, Pressing ist nicht tot – es hat sich weiterentwickelt. Wir erleben keine Abkehr vom Pressing, sondern eine Professionalisierung. Teams pressen intelligenter, situativer und effizienter. Das bedingungslose, permanente Hochpressing stirbt aus, weil es physisch nicht nachhaltig und taktisch zu berechenbar ist.

Die Zukunft gehört hybriden Systemen: Teams, die situativ zwischen verschiedenen Pressinghöhen wechseln können. Die Fähigkeit, innerhalb eines Spiels von tiefem Block auf mittleres Pressing und in entscheidenden Momenten auf Hochpressing zu schalten, wird zum Wettbewerbsvorteil.

Dieser taktische Pragmatismus spiegelt sich auch in den Trainerprofilen wider. Die nächste Generation an Trainern – ob Xabi Alonso bei Leverkusen oder Roberto De Zerbi – kombiniert offensive Ambitionen mit defensiver Flexibilität. Sie verstehen, dass moderner Fußball Anpassungsfähigkeit erfordert.

Konsequenzen für die taktische Analyse

Für die analytische Betrachtung von Spielen bedeutet dieser Wandel, dass wir Pressing-Statistiken differenzierter bewerten müssen. Ein Team mit niedrigem PPDA-Wert ist nicht automatisch defensiv schwach – es könnte strategisch defensiv agieren. Umgekehrt ist hohes Pressing kein Qualitätsmerkmal mehr an sich, wenn es nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfindet.

Die defensive Linie, Kompaktheitswerte und Übergangsgeschwindigkeiten werden zu wichtigeren Metriken. Wie schnell kann ein Team von defensiver Kompaktheit in gefährliche Kontersituationen schalten? Wie effizient nutzt es die wenigen Pressing-Momente, die es wählt?

Diese Erkenntnisse sind auch für die Bewertung von Spielen relevant. Matches zwischen einem pressingintensiven und einem defensiv kompakten Team folgen oft ähnlichen Mustern: viel Ballbesitz für das pressingstarke Team, wenige, aber gefährliche Konter für das defensive Team. Die Torlinie liegt in solchen Spielen häufig unter den Erwartungen der Buchmacher.

Der taktische Wandel im europäischen Spitzenfußball ist real und messbar. Pressing bleibt ein wichtiges taktisches Werkzeug, aber die Ära des permanenten Hochdrucks neigt sich dem Ende zu. Intelligenz schlägt Intensität – die Teams, die diese Balance finden, werden die kommenden Jahre dominieren.