Die bewahrte Xabi-Methode bei Leverkusen im Check und warum Europas Topklubs sie kopieren
5 Min. LesezeitBayer Leverkusen ist unter Xabi Alonso zu einer Maschine geworden. Die Werkself spielt einen Fußball, der in Deutschland seinesgleichen sucht – und der in ganz Europa Beachtung findet. Doch was genau steckt hinter diesem System? Wir haben uns die taktischen Mechanismen, Trainingsmethoden und statistischen Kennzahlen angesehen, die Alonsos Erfolg begründen.
Das Fundament der Xabi-Philosophie
Alonso kam im Oktober 2022 zu einem kriselnden Bayer Leverkusen. Damals stand der Verein auf einem Abstiegsplatz. Innerhalb weniger Monate etablierte der Spanier ein Spielsystem, das auf drei Säulen ruht: extreme Ballkontrolle, defensive Aggressivität in der gegnerischen Hälfte und individuelle Entwicklung jedes einzelnen Spielers.
Was seine Methode von anderen modernen Ansätzen unterscheidet, ist die Konsequenz. Leverkusen presst nicht nur hoch, sondern tut dies mit einer Synchronisation, die mathematisch wirkt. Jeder Spieler kennt seine Position im Pressingverbund, jede Laufbewegung folgt einem vordefinierten Muster. Das Resultat sehen wir Woche für Woche.

Die X Passing Circuit Methode im Detail
Herzstück von Alonsos Trainingssystem ist der sogenannte X Passing Circuit. Diese spezielle Übungsform kombiniert technische Aktivierung mit taktischer Schulung. In engen Räumen müssen Spieler unter Zeitdruck präzise Pässe spielen, während sie gleichzeitig ihre Körperposition zum nächsten Passempfänger optimieren.
Das Training läuft in hoher Intensität ab. Die Spieler haben oft weniger als zwei Sekunden für ihre Entscheidung. Genau diese Geschwindigkeit im Kopf ist es, die Leverkusen später im Spiel auszeichnet. Gegner kommen nicht nach, weil die Werkself bereits drei Züge weiter denkt.
Die technische Aktivierung erfolgt dabei nicht isoliert. Alonso integriert taktische Elemente direkt in die Passübungen. Ein Verteidiger lernt nicht nur, den Ball zu kontrollieren, sondern auch, wann er ihn schnell weiterspielen muss und wann er Zeit hat. Diese Kontextualisierung macht den Unterschied zu klassischen Passübungen.
Defensive Dominanz durch proaktives Verhalten
Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Leverkusen verzeichnete unter Alonso in der vergangenen Saison die meisten hohen Ballgewinne in der gesamten Bundesliga. Das ist kein Zufall. Das Pressing beginnt nicht erst bei Ballverlust, sondern bereits in der Ballbesitzphase.
| Kennzahl | Bayer Leverkusen | Bundesliga-Durchschnitt |
|---|---|---|
| Hohe Ballgewinne pro Spiel | 8.2 | 5.1 |
| Gegenpressing-Erfolgsquote | 61% | 48% |
| Ballbesitz im letzten Drittel | 34% | 26% |
| Pässe unter Gegnerdruck | 87% Erfolgsquote | 78% |
Diese Zahlen verdeutlichen die systematische Überlegenheit. Leverkusen erobert den Ball nicht nur häufiger in gefährlichen Zonen, sondern tut dies auch effizienter als jedes andere Bundesliga-Team. Das direkte Gegenpressing nach Ballverlust ist dabei nur eine Komponente. Wichtiger ist die Positionierung vor dem Ballverlust.
Alonso positioniert seine Spieler so, dass sie bei Ballverlust bereits in optimaler Pressingposition stehen. Die Flügelspieler rücken während des Angriffs bereits ein, die Achter schieben vor. Wenn der Ball verloren geht, ist die Falle bereits gestellt.

Vertrauen als taktischer Faktor
Ein oft unterschätzter Aspekt von Alonsos Erfolg ist seine Führungsphilosophie. Im Training gibt er klare, detaillierte Anweisungen. Im Spiel überlässt er seinen Spielern die Entscheidungen. Diese Balance zwischen Struktur und Freiheit schafft ein Umfeld, in dem kreative Lösungen entstehen können.
Spieler wie Florian Wirtz oder Jeremie Frimpong haben unter Alonso enorme Entwicklungssprünge gemacht. Das liegt nicht daran, dass Alonso ihnen neue Techniken beibringt, sondern daran, dass er ihnen das Vertrauen gibt, ihre Fähigkeiten im richtigen Moment einzusetzen. Wirtz darf riskante Pässe spielen, Frimpong darf Dribblings wagen – weil das System Fehler auffängt.
Diese Philosophie durchzieht die gesamte Mannschaft. Selbst Innenverteidiger wie Jonathan Tah spielen heute Pässe, die sie unter vorherigen Trainern nie gewagt hätten. Die Sicherheit, dass Mitspieler bei Ballverlust sofort nachsetzen, gibt jedem Spieler mehr taktische Freiheit.
Warum andere Klubs genau hinschauen
Direkte Belege dafür, dass europäische Topklubs Alonsos Methoden kopieren, gibt es nicht. Das ist auch logisch – kein Verein kommuniziert öffentlich, welche Trainingsmethoden er von Konkurrenten übernimmt. Doch die Attraktivität des Leverkusener Modells für andere Klubs ist offensichtlich.
Erstens ist das System skalierbar. Anders als bei Trainern, die auf einzelne Superstars setzen, funktioniert Alonsos Ansatz mit unterschiedlichen Spielerprofilen. Das macht ihn replizierbar. Zweitens liefert die Methode messbare Ergebnisse. Die statistischen Verbesserungen bei Leverkusen sind dokumentiert und lassen sich auf andere Teams übertragen.
Drittens passt Alonsos Philosophie zum aktuellen Trend im europäischen Spitzenfußball. Ballbesitz, hohes Pressing, schnelle Ballzirkulation – diese Elemente finden sich bei allen dominanten Teams. Alonso hat diese Komponenten jedoch zu einem neuen Ganzen zusammengefügt, das effizienter ist als die Summe seiner Teile.

Die Herausforderung der Implementierung
Was bei Leverkusen funktioniert, lässt sich nicht einfach kopieren. Alonsos Erfolg basiert auf mehreren Faktoren, die zusammenkommen müssen. Die Spieler brauchen eine hohe technische Grundausbildung. Das System erfordert ständige Konzentration über 90 Minuten. Und die Vereinsführung muss dem Trainer Zeit geben.
Zudem spielt die Kaderzusammenstellung eine Rolle. Leverkusen hat gezielt Spielertypen verpflichtet, die zu diesem System passen – technisch versiert, laufstark, intelligent in ihren Entscheidungen. Ein Klub, der diese Methode übernehmen will, muss auch beim Recruiting umdenken.
Die größte Herausforderung ist jedoch die Geduld. Alonsos System braucht Monate, bis es voll funktioniert. Moderne Klubs geben Trainern oft nicht diese Zeit. Der Druck nach schnellen Erfolgen steht im Widerspruch zur langfristigen Entwicklung, die diese Methode erfordert.
Datenbasierte Talententwicklung als Schlüsselfaktor
Ein oft übersehener Aspekt ist Alonsos Fähigkeit, bestehende Spieler zu verbessern. Er holt nicht nur neue Stars, sondern macht aus vorhandenen Spielern bessere Fußballer. Diese Kompetenz macht sein System besonders wertvoll für Klubs mit begrenzten Transferbudgets.
Die Entwicklung läuft strukturiert ab. Jeder Spieler erhält individuelles Feedback zu seinen Leistungsdaten. Passquoten, Laufwege, Zweikampfwerte – alles wird erfasst und analysiert. Aus diesen Daten leitet Alonso konkrete Trainingsschwerpunkte ab. Das ist keine allgemeine Verbesserung, sondern gezielte Optimierung.
Taktische Flexibilität innerhalb starrer Prinzipien
Paradoxerweise ermöglicht gerade die Strenge von Alonsos Grundprinzipien taktische Flexibilität. Weil jeder Spieler seine Aufgaben im System kennt, kann Leverkusen während des Spiels die Formation ändern, ohne dass die Grundstruktur zusammenbricht. Von 4-3-3 zu 3-4-3 zu 4-2-3-1 – alles möglich, weil die Prinzipien gleich bleiben.
Diese Anpassungsfähigkeit macht Leverkusen so schwer auszurechnen. Gegner können sich nicht auf eine Formation einstellen. Sie müssen auf Prinzipien reagieren, die unabhängig von der nominellen Aufstellung funktionieren. Das ist die wahre Innovation in Alonsos Arbeit.
Die Xabi-Methode ist mehr als nur ein taktisches System. Sie ist eine Philosophie, die Training, Spielidee und Spielerentwicklung zu einem Ganzen verbindet. Ob andere Klubs diese Methode tatsächlich kopieren, lässt sich schwer belegen. Dass sie es sollten, zeigen die Ergebnisse auf dem Platz. Leverkusen hat unter Alonso einen neuen Standard gesetzt – einen Standard, an dem sich der europäische Fußball in den kommenden Jahren messen lassen muss.
