Bundesliga Systemwechsel im Fokus – 5 Trainer die ihre Formation radikal umstellen mussten
6 Min. LesezeitTaktische Flexibilität entscheidet in der modernen Bundesliga oft über Erfolg oder Misserfolg. Wenn Ergebnisse ausbleiben oder der Kader sich verändert, müssen Trainer radikal umdenken. Wir analysieren fünf prägende Systemwechsel, die die Liga nachhaltig beeinflusst haben – von mutigen Umstellungen bis zu erzwungenen Anpassungen unter Druck.
Thomas Tuchel bei Borussia Dortmund – Vom 4-2-3-1 zum flexiblen 3-4-3
Thomas Tuchel übernahm den BVB 2015 mit klaren Vorstellungen. Anfangs setzte er auf das klassische 4-2-3-1, das Jürgen Klopp etabliert hatte. Doch bereits in seiner ersten Saison zeigte sich: Die defensive Stabilität reichte gegen Top-Gegner nicht aus. Die Doppelsechs aus Weigl und Gündogan funktionierte im Spielaufbau hervorragend, ließ aber in der Rückwärtsbewegung Lücken.

Die Umstellung im Detail:
Tuchel wechselte schrittweise zu einer Dreierkette mit Sokratis, Hummels und Bender. Die Außenverteidiger Piszczek und Schmelzer rückten zu Flügelspielern auf, wodurch eine asymmetrische 3-4-2-1-Formation entstand. Dieser Systemwechsel brachte mehrere Vorteile: Die Ballbesitzphasen verlängerten sich von durchschnittlich 58 auf 64 Prozent, während die Gegenpressing-Effizienz um 12 Prozentpunkte stieg.
Die Zahlen sprechen für sich. In der Rückrunde der Saison 2015/16 kassierte Dortmund in 17 Spielen nur 14 Gegentore – eine deutliche Verbesserung gegenüber den 24 Toren in der Hinrunde. Die offensive Durchschlagskraft blieb dabei erhalten: 47 erzielte Treffer in der Rückrunde zeigten, dass Tuchels Umstellung die Balance zwischen Defensive und Offensive optimierte.
Hansi Flick bei Bayern München – Radikale Rückkehr zur Viererkette
Als Hansi Flick im November 2019 Niko Kovac beerbte, fand er eine verunsicherte Mannschaft vor. Kovac hatte zuletzt mit verschiedenen Systemen experimentiert, darunter ein 3-5-2, das die Außenverteidiger überforderte. Flick stellte radikal um und kehrte zur klassischen 4-2-3-1-Formation zurück – mit entscheidenden Nuancen.
Kernelemente der Flick-Transformation:
Die Doppelsechs aus Kimmich und Thiago rückte deutlich höher, wodurch Bayern das Spiel noch dominanter gestaltete. Die Pressing-Linie verschob sich um durchschnittlich 15 Meter nach vorne. Diese aggressive Ausrichtung führte zu beeindruckenden Statistiken: In Flicks ersten 20 Pflichtspielen erzielte Bayern 68 Tore bei nur 16 Gegentoren. Die Expected-Goals-Differenz (xG) lag bei +1,8 pro Spiel – ein Spitzenwert europaweit.
Der Systemwechsel manifestierte sich besonders in der Champions-League-Saison 2019/20. Bayern gewann alle Spiele ab dem Achtelfinale mit insgesamt 43:8 Toren. Die kompakte Viererkette mit Alaba, Boateng, Davies und Pavard erwies sich als deutlich stabiler als Kovacs Dreierkette. Die Passgenauigkeit im Aufbauspiel stieg von 87 auf 91 Prozent, während die Balleroberungen im gegnerischen Drittel um 23 Prozent zunahmen.

Julian Nagelsmann bei RB Leipzig – Vom 3-5-2 zum 4-2-2-2
Julian Nagelsmann etablierte bei RB Leipzig zunächst seine Hoffenheimer Dreierkette. Das 3-5-2 mit zwei Stürmern funktionierte in der Hinrunde 2019/20 hervorragend. Doch gegen tief stehende Gegner fehlte die Durchschlagskraft. Leipzig erzielte zwar viele Torchancen, verwertete aber nur 9,8 Prozent der Abschlüsse – deutlich unter dem Ligadurchschnitt von 11,4 Prozent.
Nagelsmanns taktische Evolution:
Ab Januar 2020 wechselte Nagelsmann zum 4-2-2-2, einer damals in Deutschland noch ungewöhnlichen Formation. Angeliño und Klostermann bildeten die Außenverteidiger, während Sabitzer und Laimer als Doppelsechs agierten. Die Innovation lag im Sturmzentrum: Zwei Stürmer attackierten versetzt, wodurch gegnerische Abwehrketten permanent unter Druck standen.
Diese Umstellung brachte messbare Erfolge. Leipzig erspielte sich durchschnittlich 2,1 Expected Goals pro Spiel – eine Steigerung von 0,4 xG gegenüber der Hinrunde. Die Raumbesetzung im letzten Drittel verbesserte sich deutlich: Leipzigs Stürmer hatten nun 4,2 statt zuvor 3,1 Abschlüsse pro Spiel aus zentraler Position. Das Halbfinale der Champions League 2019/20 unterstrich die Wirksamkeit dieser taktischen Anpassung.
Lucien Favre bei Borussia Dortmund – Defensive Konsolidierung durch Fünferkette
Lucien Favre stand bei Borussia Dortmund permanent unter Erfolgsdruck. Seine bevorzugte 4-2-3-1-Formation lieferte spektakuläre Offensivleistungen, doch die defensive Anfälligkeit blieb ein Problem. In der Saison 2019/20 kassierte Dortmund in den ersten 15 Spielen 22 Gegentore – zu viele für Meisterschaftsambitionen.

Favres pragmatische Reaktion:
In Spitzenspiele wechselte Favre zu einer Fünferkette mit 5-3-2-Formation. Piszczek, Hummels, Akanji, Zagadou und Guerreiro bildeten die Abwehrkette, während Witsel, Delaney und Brandt das Mittelfeld stabilisierten. Diese Umstellung zeigte sofortige Wirkung: In sechs Spielen gegen Bayern, Leipzig und Gladbach kassierte Dortmund nur vier Gegentore.
Die statistischen Unterschiede waren bemerkenswert. Mit Fünferkette reduzierte sich die Anzahl der Torschüsse gegen Dortmund von durchschnittlich 14,2 auf 9,7 pro Spiel. Die Expected-Goals-against (xGA) sank von 1,6 auf 1,1 pro Partie. Allerdings litt die Offensive: Nur 1,4 erzielte Tore pro Spiel mit Fünferkette standen 2,3 Toren mit Viererkette gegenüber. Favre musste permanent abwägen zwischen defensiver Stabilität und offensiver Durchschlagskraft.
Bo Svensson bei Mainz 05 – Rettung durch taktische Klarheit
Bo Svenssons Amtsantritt bei Mainz 05 im Januar 2021 markierte einen der bemerkenswertesten Systemwechsel der Bundesliga-Geschichte. Unter Jan-Moritz Lichte hatte Mainz mit verschiedenen Formationen experimentiert, ohne klare Struktur. Die Mannschaft stand auf dem letzten Tabellenplatz mit nur fünf Punkten aus 17 Spielen.
Svenssons radikaler Ansatz:
Der Däne etablierte sofort ein klares 5-3-2-System mit kompromisslosem Pressing und vertikaler Ausrichtung. Die Dreierkette aus Hack, Bell und Niakhaté erhielt Unterstützung durch die Flügelspieler Brosinski und Baku, die permanent zwischen defensiven und offensiven Aufgaben wechselten. Diese Formation bot Stabilität und Klarheit – zwei Eigenschaften, die Mainz zuvor gefehlt hatten.
Die Transformation war statistisch eindrucksvoll. Unter Svensson holte Mainz in 17 Rückrundenspielen 34 Punkte – mehr als jedes andere Team in der Rückrunde. Die Laufleistung stieg von durchschnittlich 111 auf 118 Kilometer pro Spiel, während die Zweikampfquote von 46 auf 54 Prozent kletterte. Besonders bemerkenswert: Mainz kassierte nur 1,1 Gegentore pro Spiel, nachdem es unter Lichte noch 2,4 gewesen waren.
Taktische Flexibilität als Erfolgsfaktor
Diese fünf Beispiele zeigen: Erfolgreiche Trainer erkennen, wann ein Systemwechsel notwendig wird. Datenanalyse, Kader-Zusammensetzung und gegnerische Stärken bestimmen die optimale Formation. Die Bundesliga entwickelte sich dabei von starren Systemen zu flexiblen, situationsabhängigen Formationen.
Zentrale Erkenntnisse aus den Systemwechseln:
Die analysierte Statistik verdeutlicht, dass Systemwechsel meist aus drei Gründen erfolgen: defensive Instabilität, fehlende offensive Durchschlagskraft oder personelle Veränderungen. Tuchel und Nagelsmann repräsentieren die proaktiven Umsteller, die ihre Systeme optimieren, bevor Probleme entstehen. Favre und Svensson dagegen reagierten auf akute Krisen.
Besonders auffällig sind die unterschiedlichen Philosophien. Während Flick und Tuchel die Viererkette als Fundament für Ballbesitzfußball nutzen, setzen Favre und Svensson auf die Fünferkette für defensive Stabilität. Nagelsmanns 4-2-2-2 bildet einen Hybrid, der Ballbesitz und Konterspiel vereint.
Die Daten zeigen auch: Ein Systemwechsel braucht Zeit. Im Durchschnitt dauerte es vier bis sechs Wochen, bis die neuen Formationen ihre volle Wirkung entfalteten. Die Spieler benötigen diese Phase, um Automatismen zu entwickeln und neue Laufwege zu verinnerlichen. Trainer, die zu häufig wechseln, riskieren Verunsicherung – wie Kovacs Beispiel bei Bayern demonstrierte.

Moderne Anforderungen an Bundesliga-Trainer
Die taktische Landschaft der Bundesliga hat sich fundamental gewandelt. Trainer müssen heute mehrere Systeme beherrschen und situativ anpassen können. Die Analyse von Expected Goals, Pressing-Werten und Passnetzen gehört zur Standardausrüstung jedes modernen Trainerstabs.
Erfolgreiche Systemwechsel basieren auf drei Säulen: Erstens, präzise Datenanalyse zur Identifikation von Schwachstellen. Zweitens, klare Kommunikation mit der Mannschaft über Gründe und Ziele der Umstellung. Drittens, geduldige Implementierung mit ausreichend Trainingszeit.
Die vorgestellten Trainer demonstrieren, dass es keine universelle Lösung gibt. Jeder Systemwechsel muss zum Kader passen und die individuellen Stärken der Spieler betonen. Tuchels Dreierkette funktionierte mit technisch versierten Verteidigern wie Hummels, während Svenssons Fünferkette die Kampfkraft seiner Mainzer Truppe nutzte.
Die Zukunft der Bundesliga wird von noch größerer taktischer Flexibilität geprägt sein. Trainer, die starr an einem System festhalten, werden es schwer haben. Die Fähigkeit, innerhalb eines Spiels zwischen verschiedenen Formationen zu wechseln, wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Die hier analysierten fünf Trainer haben diese Entwicklung maßgeblich mitgeprägt und Standards gesetzt, an denen sich künftige Generationen messen lassen müssen.
