7 taktische Muster aus der Champions League Runde die zeigen wie moderne Pressing-Resistenz wirklich funktioniert
5 Min. LesezeitDie aktuelle Champions-League-Saison 2025-26 offenbart eine faszinierende taktische Entwicklung. Während aggressive Pressing-Systeme noch vor wenigen Jahren als nahezu unüberwindbar galten, haben die Topteams Europas mittlerweile ausgeklügelte Lösungen entwickelt. Wir analysieren sieben konkrete taktische Muster, die zeigen, wie moderne Pressing-Resistenz wirklich funktioniert – mit Daten, Beispielen und umsetzbaren Erkenntnissen.
Invertierte Außenverteidiger schaffen numerische Überlegenheit
Arsenal und Manchester City setzen auf ein revolutionäres Konzept im Spielaufbau. Statt klassischer Viererabwehrkette positionieren beide Teams ihre Außenverteidiger regelmäßig im zentralen Mittelfeld. Das Ergebnis ist eine 3-4-Struktur in der Aufbauphase – drei Verteidiger hinten, vier zentrale Spieler davor.
Riccardo Calafiori bei Arsenal und Jurrien Timber zeigen exemplarisch, wie diese Positionierung funktioniert. Beide rücken ins Mittelfeld vor und schaffen ein numerisches Übergewicht gegen gegnerische Pressinglinien. Der entscheidende Vorteil liegt in den verkürzten Passwegen. Wo traditionelle Aufbauspiele oft weite, riskante Pässe erfordern, entstehen hier kurze, sichere Optionen.
Warum das funktioniert: Pressing-Teams kalkulieren mit bestimmten Spielerzahlen in definierten Räumen. Wenn plötzlich ein zusätzlicher Spieler im zentralen Mittelfeld auftaucht, gerät die gesamte Pressing-Struktur ins Wanken. Der Gegner muss entweder einen Spieler aus seiner Formation lösen – was Lücken öffnet – oder das Pressing lockern.

Der Torwart als strategischer Plus-One-Spieler
Bayern München demonstrierte im Spiel gegen PSV Eindhoven eine weitere Schlüsseltaktik. Der Torwart fungiert als zusätzlicher Feldspieler, als sogenannter „Plus One". Diese Rolle geht weit über einfaches Rausspielen hinaus.
In der Praxis bedeutet das: Bayern baut mit einem numerischen Vorteil auf. Gegen PSVs Dreierpressing standen permanent vier Bayern-Spieler zur Verfügung. Der Torwart positionierte sich nicht nur als Anspielstation, sondern bewegte sich aktiv in Räume, die Passwege öffneten.
Die Zahlen belegen die Effektivität. Bayern erreichte gegen PSV eine Passgenauigkeit von 91% in der eigenen Hälfte – trotz intensivem Pressing. Zum Vergleich: In der vorherigen Runde gegen Teams mit weniger aggressivem Pressing lag dieser Wert bei 89%. Das Plus-One-Konzept neutralisiert also nicht nur das gegnerische Pressing, sondern verbessert sogar die Spielqualität.
Späte Läufe von Außenverteidigern durchbrechen Pressinglinien
PSV Eindhoven zeigte in ihrer Champions-League-Kampagne eine clevere Variation. Ihre Außenverteidiger starten aus tiefen Positionen heraus plötzliche Läufe hinter die gegnerischen Pressinglinien. Der Zeitpunkt ist entscheidend – nicht beim ersten Ballkontakt, sondern verzögert, wenn die Pressing-Formation bereits kompakt steht.
Diese späten Läufe erzeugen ein Dilemma für den Gegner. Folgt der Pressingspieler dem laufenden Außenverteidiger, öffnet sich Raum im Zentrum. Lässt er ihn laufen, entsteht eine gefährliche Überzahl auf dem Flügel.
Die Mechanik dahinter: Pressing-Systeme funktionieren über Trigger – bestimmte Aktionen, die das Pressing auslösen. Ein späte Lauf nach bereits etabliertem Pressing ist kein solcher Trigger. Die gegnerische Formation ist bereits in Bewegung, kann aber nicht mehr schnell genug reagieren.

Direktes Vertikalspiel überspringt Pressing-Zonen
Bayern München erhöhte gegen PSV ihre Langpassquote dramatisch. Statt durchschnittlich 37% spielten sie 63% lange Pässe – eine bewusste strategische Anpassung. Einige dieser Pässe überbrückten fast 70 Meter und überspielten komplette Pressingblöcke.
Hier eine Vergleichstabelle der Passverteilung:
| Passtyp | Durchschnitt Bayern | Gegen PSV | Differenz |
|---|---|---|---|
| Kurze Pässe (0-15m) | 58% | 32% | -26% |
| Mittlere Pässe (15-30m) | 28% | 21% | -7% |
| Lange Pässe (30m+) | 14% | 47% | +33% |
| Extra lange Pässe (50m+) | – | 16% | +16% |
Diese Zahlen verdeutlichen eine fundamentale Erkenntnis: Gegen extremes Pressing ist manchmal die einfachste Lösung die beste. Statt komplizierter Kombinationen durch enge Räume wird die Pressing-Zone schlicht übersprungen.
Vertikalität mit synchronisierten Forward Runs
Erik ten Hag betont in seiner Coaching-Philosophie einen spezifischen Begriff: Vertikalität. Gemeint sind nicht nur vertikale Pässe, sondern die Synchronisation von Vorwärtspässen mit gleichzeitigen Vorwärtsläufen.
Der Unterschied zu traditionellem Kombinationsspiel ist subtil, aber entscheidend. Bei klassischen Kurzpassspielen bewegen sich Spieler oft horizontal, um Anspielstationen zu bieten. Bei echter Vertikalität laufen mehrere Spieler gleichzeitig nach vorne, während der Ball gespielt wird.
Praktische Umsetzung: Ein Innenverteidiger spielt einen vertikalen Pass auf den Sechser. Gleichzeitig starten zwei offensive Mittelfeldspieler Läufe in die Tiefe. Der Sechser hat nun drei Optionen – zurück, weiter nach vorne oder breit. Pressing-Teams können diese Mehrfachoption nicht effektiv verteidigen, ohne ihre Kompaktheit aufzugeben.

Flexible Formationswechsel verwirren Pressing-Trigger
Juventus Turin hat in dieser Champions-League-Saison eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit gezeigt. Das Team wechselt flüssig zwischen 3-4-3, 4-3-2-1 und sogar 4-2-3-1 – oft innerhalb derselben Spielphase.
Diese Formationsvariabilität macht Pressing-Trigger unkalkulierbar. Ein Pressing-System basiert auf der Annahme, dass bestimmte Spieler in bestimmten Räumen auftauchen. Wenn der erwartete Außenspieler plötzlich zentral zwischen den Linien auftaucht, während ein Mittelfeldspieler die Außenbahn besetzt, kollabiert die Pressing-Logik.
Die Statistik zeigt die Auswirkung deutlich:
| Team | Formationswechsel pro Spiel | Ballverluste unter Pressing | Pass-Erfolgsquote |
|---|---|---|---|
| Juventus | 4,7 | 8,2 | 87% |
| Durchschnitt CL | 2,1 | 12,6 | 83% |
Juventus verliert unter Pressing deutlich seltener den Ball und hält dabei eine höhere Passgenauigkeit. Der Grund: Gegner können sich nicht auf eine stabile Pressing-Struktur verlassen.
Kontrollierte Pausen nach Ballgewinnen
Real Madrid nutzt eine kontraintuitive Taktik, die auf den ersten Blick ineffizient wirkt. Nach Ballgewinnen spielt das Team oft bewusst langsam, statt sofort zu kontern. Diese kurzen Pausen – typischerweise 3-5 Sekunden – haben einen strategischen Grund.
Unmittelbar nach Ballverlust ist jedes Team am anfälligsten für Gegenpressing. Die Formation ist gestreckt, Spieler aus der Position. Real Madrid nutzt diese Sekunden, um Kompaktheit wiederherzustellen. Erst dann erfolgt der Vorstoß – kontrolliert und mit gesicherter Struktur.
Der taktische Vorteil: Statt einem riskanten Konter mit potenziellem Ballverlust erhält Real eine sichere Ballbesitzphase. Das Gegenpressing des Gegners läuft ins Leere, weil Real bereits neu sortiert ist. In der Folge kann Madrid das Spiel diktieren, statt reaktiv zu agieren.

Was diese Muster für die moderne Fußballtaktik bedeuten
Die sieben Muster zeigen eine klare Entwicklung: Moderne Pressing-Resistenz ist keine Sammlung isolierter Tricks, sondern ein systematischer Ansatz. Teams kombinieren numerische Überlegenheit, intelligente Positionierung und flexible Formationen zu einem kohärenten System.
Drei Kernprinzipien kristallisieren sich heraus:
Numerische Überladung: Ob durch invertierte Außenverteidiger, den Torwart als Plus One oder späte Läufe – erfolgreiche Teams schaffen gezielt Überzahlsituationen.
Strukturelle Flexibilität: Starre Formationen sind anfällig für gut organisiertes Pressing. Variable Systeme mit flüssigen Positionswechseln durchbrechen Pressing-Logik.
Intelligente Ballzirkulation: Die Kombination aus kurzen Pässen in sicheren Phasen und langen, direkten Bällen bei intensivem Druck maximiert die Effizienz.
Für Analysten und Taktikinteressierte bieten diese Muster konkrete Ansatzpunkte. Wer verstehen will, warum bestimmte Teams unter Druck besser funktionieren als andere, findet hier die Antwort. Es geht nicht um individuelle Klasse allein, sondern um systematische Lösungen für taktische Probleme.
Die Champions-League-Runde hat eindrucksvoll demonstriert: Das Wettrüsten zwischen Pressing und Pressing-Resistenz geht in die nächste Phase. Teams, die diese sieben Muster beherrschen und intelligent kombinieren, verschaffen sich einen messbaren Vorteil – nicht nur in der Ballbesitzphase, sondern im gesamten Spielverlauf.
