7 taktische Anpassungen, die Dortmunds Champions-League-Form retten können
5 Min. LesezeitBorussia Dortmund steht in der Champions League vor einer kritischen Phase. Die Schwarz-Gelben haben in den vergangenen Wochen gezeigt, dass das Potenzial vorhanden ist – doch die Konstanz fehlt. Mit nur 0,86 Expected Goals im jüngsten Pokalspiel und einer wechselhaften Form wird deutlich, dass Trainer Niko Kovač taktisch nachjustieren muss. Wir analysieren sieben konkrete Anpassungen, die den BVB zurück auf die Erfolgsspur bringen können.
Chancenverwertung durch positionsbasiertes Pressing steigern
Die offensive Effizienz bleibt Dortmunds Achillesferse. Ein xG-Wert von 0,86 deutet auf massive Probleme bei der Chancenkreierung hin. Hier braucht es keine neuen Stürmer, sondern eine intelligentere Raumbesetzung im letzten Drittel.

Der Schlüssel liegt in einem angepassten Pressing-System. Statt generischem Hochpressen muss Dortmund positionsbasiert agieren. Konkret bedeutet das, den Gegner nicht überall anzulaufen, sondern gezielt in Zonen zu treiben, wo Ballgewinne direkt in Torchancen münden. Die 43 Ballgewinne pro Spiel sind ein solider Wert, doch die Qualität dieser Eroberungen entscheidet über den Erfolg.
Wenn der zentrale Mittelfeldspieler den gegnerischen Sechser attackiert, müssen beide Flügel simultan nach innen rücken. Das schafft einen Trichter-Effekt, der Fehlpässe provoziert und die Distanz zum gegnerischen Tor minimiert. Barcelona praktiziert dieses System seit Jahren erfolgreich – Dortmund hat die athletischen Voraussetzungen, es zu kopieren.
Flexible Dreierkette als Standardformation etablieren
Kovač experimentiert bereits mit dem Wechsel zwischen Viererkette und Dreierkette. Doch statt situativ zu reagieren, sollte die Dreierabwehr zur Grundformation werden. Die aktuelle Defensive um Waldemar Anton und Gregor Kobel ist robust genug, doch sie braucht mehr offensive Unterstützung durch die Außenbahnen.
Eine permanente 3-4-3-Formation würde zwei entscheidende Probleme lösen. Erstens bekommen die Flügelspieler mehr Raum zum Kombinieren, da sie nicht defensiv gebunden sind. Zweitens schafft man numerische Überlegenheit im Mittelfeld, wo Dortmund derzeit gegen top-gesetzte Champions-League-Gegner oft unterlegen ist.
Die 87 Prozent Passgenauigkeit zeigen, dass die technische Qualität vorhanden ist. Mit drei Innenverteidigern kann Dortmund den Spielaufbau variabler gestalten und die Außenverteidiger zu echten Offensivwaffen machen. Das erfordert zwar Umgewöhnung, doch die Vorteile überwiegen deutlich.
Wechsel-Timing an Spielentwicklung koppeln
Im DFB-Pokal kam die Kritik an Kovačs späten Wechseln nicht von ungefähr. Brandt und Bellingham erst in der 67. Minute zu bringen, wenn das Spiel bereits entschieden scheint, ist taktische Zeitverschwendung. Die Lösung liegt in einem datengestützten Wechsel-Protokoll.

Moderne Analytics-Tools zeigen präzise, wann Spieler physisch nachlassen. Statt nach Bauchgefühl zu entscheiden, muss Kovač klare Schwellenwerte definieren. Sinkt die Sprintgeschwindigkeit eines Mittelfeldspielers unter 90 Prozent seines Durchschnitts, kommt der Wechsel – unabhängig von der Spielminute.
Diese Systematik hat noch einen weiteren Vorteil. Eingewechselte Spieler wissen genau, welche Rolle sie übernehmen sollen. Kommt ein frischer Flügelspieler in Minute 55 statt 75, kann er noch echten Impact erzeugen. Die Champions League wird in den letzten 30 Minuten entschieden – hier braucht Dortmund maximale Frische.
Systemwechsel gegnerabhängig durchziehen
Kovač experimentiert mit 3-3-2-2 und 4-4-2-Raute. Das ist grundsätzlich richtig, doch die Umsetzung bleibt inkonsequent. Gegen pressing-intensive Gegner wie Liverpool oder Manchester City muss Dortmund mit mehr zentraler Präsenz spielen. Die Raute bietet sich an, um Überzahlsituationen im Mittelfeld zu schaffen.
Gegen tief stehende Teams ist hingegen das 3-3-2-2 überlegen. Die zwei Zehner können zwischen den Linien agieren und Lücken finden. Entscheidend ist, dass diese Formationswechsel nicht während des Spiels passieren, sondern von Beginn an festgelegt sind.
Die elf verschiedenen Champions-League-Torschützen zeigen, dass Dortmund über offensive Variabilität verfügt. Diese Stärke muss durch klare systemische Vorgaben kanalisiert werden. Jeder Spieler muss seine Rolle im jeweiligen System verinnerlicht haben – Improvisationen auf diesem Niveau sind Luxus, den man sich nicht leisten kann.
Pressing-Trigger definieren und automatisieren
Dortmunds Ballgewinne sind zahlreich, aber oft unkoordiniert. Was fehlt, sind klare Pressing-Trigger – definierte Situationen, die einen koordinierten Angriff auf den Ball auslösen. Ein schlechter Rückpass, ein schwacher erster Kontakt oder ein gegnerischer Außenverteidiger unter Druck sind klassische Trigger.
Die Mannschaft muss diese Situationen automatisch erkennen und reagieren. Das erfordert intensives Training, zahlt sich aber aus. Liverpools Erfolg unter Klopp basierte auf genau diesem Prinzip. Sobald ein Trigger aktiviert wird, rücken alle Spieler sechs Meter vor – ohne nachzudenken.

Diese Automatismen sind besonders in der Champions League entscheidend. Dort hat man keine Zeit für Abstimmungen. Entweder das Pressing funktioniert instinktiv, oder der Gegner spielt sich durch. Dortmund hat die athletischen Voraussetzungen, jetzt braucht es die mentale Programmierung.
Asymmetrisches Flügelspiel als Überraschungsmoment
Ein unterschätztes taktisches Mittel ist das asymmetrische Flügelspiel. Statt beide Außenbahnen identisch zu bespielen, sollte Dortmund bewusst eine Seite überladen und die andere als Kontermöglichkeit offenhalten. Das schafft Unberechenbarkeit und zwingt Gegner zu permanenten Verschiebungen.
Konkret bedeutet das: Der linke Flügel wird mit drei bis vier Spielern überladen, während rechts nur ein schneller Außenstürmer lauert. Sobald der Ball erobert wird, kommt der diagonale Verlagerungspass – und der rechte Flügel hat Überzahl gegen einen verschobenen Gegner.
Diese Asymmetrie funktioniert besonders gegen teams, die zonenorientiert verteidigen. Sie müssen sich entscheiden: Kompakt gegen die Überzahl bleiben oder die Gegenseite decken. Beides gleichzeitig ist unmöglich. Dortmund kann damit gezielt Schwachstellen provozieren.
Standard-Situationen statistisch optimieren
Standards werden in der modernen Fußballanalyse oft unterschätzt. Doch 30 Prozent aller Tore fallen nach ruhenden Bällen. Dortmund muss hier datenbasiert arbeiten. Welche Eckball-Varianten führen statistisch zu den meisten Chancen? Bei welchen Freistoß-Positionen ist ein direkter Schuss sinnvoller als eine Flanke?
Die Antworten liegen in den Zahlen. Ein kurz ausgespielter Eckball auf den Elfmeterpunkt hat eine höhere Expected-Goals-Rate als eine Flanke auf den ersten Pfosten. Freistöße aus halblinker Position (16-20 Meter) sollten flach gespielt werden, da Torhüter hier Probleme mit der Sicht haben.
Dortmund braucht ein Standard-Playbook mit zehn bis zwölf definierten Varianten. Jeder Spieler muss seine Position und Laufwege auswendig kennen. In der Champions League sind die Unterschiede marginal – ein zusätzliches Standard-Tor pro drei Spiele kann über Weiterkommen oder Ausscheiden entscheiden.
Fazit
Die sieben taktischen Anpassungen zeigen, dass Dortmund keine personellen Veränderungen braucht, sondern intelligentere Systematik. Von positionsbasiertem Pressing über flexible Formationen bis hin zu datengestützten Standard-Varianten – die Werkzeuge sind vorhanden. Kovač muss sie nur konsequent implementieren.
Die kommenden Champions-League-Spiele werden zeigen, ob der BVB bereit ist, alte Muster zu durchbrechen. Die Konkurrenz schläft nicht, und auf diesem Niveau entscheiden Details über Erfolg oder Misserfolg. Mit den richtigen taktischen Justierungen kann Dortmund seine offensichtliche Qualität in konstante Ergebnisse verwandeln. Die Zeit zu handeln ist jetzt.
