7 Kader-Fehler die Dortmund den Champions-League-Traum kosten könnten
5 Min. LesezeitBorussia Dortmund steht in dieser Saison vor einer kritischen Weichenstellung. Nach dem dramatischen Champions-League-Finale im Vorjahr schien der Weg zurück an die europäische Spitze geebnet. Doch aktuell zeigen sich strukturelle Schwächen im Kader, die den Traum vom Königsklassen-Erfolg ernsthaft gefährden könnten. Wir analysieren sieben fundamentale Kader-Fehler, die Trainer Niko Kovac und Sportdirektor Sebastian Kehl auf dem Weg zum großen Ziel im Nacken sitzen.
1. Chronische Defensive Anfälligkeit auf der rechten Abwehrseite
Die rechte Defensivflanke entwickelt sich zur Achillesferse des BVB. Julian Ryerson, als rechter Schienenspieler im 3-4-3-System eingeplant, zeigt wiederholt Defizite in der Rückwärtsbewegung. Beim 2:2 gegen RB Leipzig kamen beide Gegentore über seine Seite – ein Muster, das sich durch die gesamte Saison zieht.
Die Statistik ist alarmierend: 43 Prozent aller Gegentore in der laufenden Bundesliga-Saison resultierten aus Angriffen über die rechte Dortmunder Seite. Gegen technisch versierte Flügelspieler wie Bayerns Michael Olise oder Leipzigs Yan Diomande gerät Ryerson regelmäßig in Eins-gegen-Eins-Situationen, die er nicht sicher verteidigen kann.

Das Problem verschärft sich auf Champions-League-Niveau deutlich. Europas Top-Klubs verfügen über noch bessere Außenstürmer. Wenn Dortmund gegen Mannschaften wie Real Madrid oder Manchester City antreten muss, wird diese Schwachstelle gnadenlos ausgenutzt. Die mangelnde Absicherung durch zentrale Verteidiger verschlimmert die Situation zusätzlich.
2. Fehlende Kadertiefe im Abwehrzentrum
Der zweite gravierende Fehler liegt in der dünnen Personaldecke in der Innenverteidigung. Mit Mats Hummels' Abgang im Sommer verlor der BVB nicht nur einen Leistungsträger, sondern auch einen Stabilisator in kritischen Momenten. Die aktuelle Situation zwingt Kovac, auf den erst 18-jährigen Luca Reggiani zurückzugreifen.
Reggianis Bundesliga-Debüt gegen Leipzig offenbarte die Problematik: In entscheidenden Szenen fehlte ihm die Erfahrung für das richtige Stellungsspiel. Gegen physisch überlegene Stürmer oder in komplexen Pressing-Situationen gerät er an seine Grenzen.
| Position | Spieler verfügbar | Durchschnittsalter | Bundesliga-Erfahrung |
|---|---|---|---|
| Innenverteidigung | 3 (inkl. Reggiani) | 22,3 Jahre | 87 Spiele/Spieler |
| Bayern München IV | 5 | 26,4 Jahre | 142 Spiele/Spieler |
| RB Leipzig IV | 4 | 25,1 Jahre | 118 Spiele/Spieler |
Diese Tabelle macht den Rückstand in Qualität und Tiefe unmissverständlich klar. Champions-League-Erfolg erfordert mindestens vier vollwertige Innenverteidiger – Dortmund hat faktisch nur zwei.
3. Mangel an klassischen Flügelspielern für verschiedene Spielsysteme
Niko Kovacs Vorliebe für das 3-4-3-System erweist sich als zweischneidiges Schwert. Dortmund verfügt mit Karim Adeyemi nur über einen einzigen klassischen Flügelspieler mit echter Eins-gegen-Eins-Stärke. Diese einseitige Ausrichtung macht den BVB berechenbar und taktisch eingeschränkt.
Die fehlende Flexibilität zeigt sich besonders deutlich: Wenn Kovac auf ein 4-3-3 oder 4-2-3-1 umstellen möchte, fehlen ihm die Spielertypen. Julian Brandt ist kein Flügelspieler im klassischen Sinne, sondern eher ein zentraler Spielgestalter. Jamie Bynoe-Gittens zeigt zwar Potenzial, ihm fehlt aber noch die Konstanz für 90 Minuten auf höchstem Niveau.

Gegen Gegner mit starken Außenverteidigern wird diese Limitierung zum massiven Problem. In der Champions League benötigst du mehrere Optionen, um den Gegner taktisch zu überraschen. Dortmund kann das aktuell nicht bieten.
4. Zu viele individuelle Fehler bei Schlüsselspielern
Julian Brandt und Karim Adeyemi – zwei Spieler, die eigentlich den Unterschied machen sollten, häufen stattdessen kostspielige Ballverluste und Fehlentscheidungen an. Brandt verlor in den letzten acht Bundesliga-Spielen durchschnittlich 2,3 Mal pro Partie den Ball in gefährlichen Zonen. Adeyemis Entscheidungsfindung im letzten Drittel kostet wiederholt aussichtsreiche Angriffe.
Diese Fehlerquote mag in der Bundesliga noch kompensierbar sein. Auf Champions-League-Niveau werden solche Ungenauigkeiten eiskalt bestraft. Ein verschenkter Ball in der eigenen Hälfte gegen Liverpool oder Inter Mailand bedeutet oft ein Gegentor.
Die Statistik untermauert die Problematik: Dortmunds Expected Goals Against (xGA) liegt bei 1,47 pro Spiel – ein Wert, der für Titelaspiranten zu hoch ist. Ein erheblicher Anteil dieser gefährlichen Situationen entsteht durch vermeidbare Ballverluste im Spielaufbau.
5. Unausgeglichenes Verhältnis zwischen Defensive und Offensive im Mittelfeld
Das zentrale Mittelfeld zeigt ein strukturelles Ungleichgewicht. Emre Can und Marcel Sabitzer bieten zwar Erfahrung, aber beide sind keine reinen Sechser, die konsequent Räume verdichten und Passwege zustellen. Die Folge sind große Lücken zwischen Mittelfeld und Abwehr, die technisch versierte Gegner systematisch ausnutzen.
Felix Nmecha sollte diese Rolle eigentlich ausfüllen, kämpft aber mit Verletzungen und Formschwankungen. Die fehlende Absicherung vor der Abwehr zwingt die Innenverteidiger zu riskanteren Stellungsspielen, was wiederum die Anfälligkeit für Konter erhöht.
| Spieler | Position | Tacklings/90min | Passgenauigkeit rückwärts |
|---|---|---|---|
| Emre Can | ZDM | 2,1 | 87,3% |
| M. Sabitzer | ZM | 1,8 | 84,1% |
| F. Nmecha | ZDM | 2,9 | 89,7% |
| Durchschnitt Top-4 CL | ZDM | 3,4 | 91,2% |
Die Zahlen zeigen deutlich: Dortmunds defensive Mittelfeldspieler erreichen nicht das Niveau der europäischen Spitzenklubs. Gerade Nmechas häufige Ausfälle wiegen schwer.
6. Fehlende Hierarchie und Leadership in kritischen Momenten
Nach dem Abgang von Marco Reus und Mats Hummels fehlt Dortmund eine klare Führungsfigur, die in schwierigen Spielphasen Verantwortung übernimmt. Emre Can versucht diese Rolle auszufüllen, wird aber vom restlichen Team nicht durchgängig als Autorität akzeptiert.

Champions-League-Erfolg benötigt Persönlichkeiten, die Spiele lenken können. Wenn Dortmund in der Königsklasse zurückliegt oder unter Druck gerät, fehlt jemand, der durch Ansprache und Vorbild das Team stabilisiert. Diese mentale Schwäche zeigt sich in der zweiten Halbzeit vieler Spiele, wenn der BVB Führungen nicht über die Zeit bringt.
Die durchschnittliche Punktausbeute nach Führung liegt bei nur 2,1 Punkten – für Titelambitionen zu wenig. Zum Vergleich: Bayern München holt aus derselben Situation durchschnittlich 2,7 Punkte.
7. Zu hohe Abhängigkeit von einzelnen Leistungsträgern
Donyell Malens Formkurve bestimmt maßgeblich Dortmunds Offensivleistung. Fällt er aus oder hat einen schlechten Tag, bricht das Angriffsspiel zusammen. Gleiches gilt für Niklas Süle in der Defensive – ohne ihn verliert die Dreierkette ihre Stabilität.
Diese Abhängigkeit von Einzelspielern macht den Kader extrem verletzungsanfällig. In einer Champions-League-Saison mit 13 möglichen Spielen plus Bundesliga-Belastung ist diese schmale Personaldecke hochriskant. Ein Ausfall zur falschen Zeit kann das gesamte Saisonziel gefährden.
Die fehlende Redundanz zeigt sich besonders im Vergleich: Während Manchester City für jede Position mindestens zwei gleichwertige Spieler bietet, muss Dortmund bei Ausfällen deutliche Qualitätseinbußen hinnehmen. Gegen absolute Top-Teams wird dieser Unterschied zum entscheidenden Faktor.
Fazit
Die sieben identifizierten Kader-Fehler bilden ein komplexes Geflecht struktureller Probleme, die sich gegenseitig verstärken. Die defensive Anfälligkeit auf den Außenbahnen wird durch fehlende Absicherung im Mittelfeld verschärft. Die mangelnde Kadertiefe zwingt zu riskanten Personalentscheidungen. Die fehlende taktische Flexibilität macht den BVB berechenbar.
Für einen echten Champions-League-Angriff benötigt Dortmund substantielle Korrekturen in der kommenden Transferperiode. Ohne Verstärkungen auf der rechten Defensivseite, im Abwehrzentrum und auf den Flügeln bleibt der große Traum vom Königsklassen-Triumph wohl genau das – ein Traum. Die Realität zeigt einen Kader, der für die Bundesliga konkurrenzfähig ist, auf europäischer Bühne aber die Qualität und Tiefe der absoluten Spitzenklubs nicht erreicht.
