7 Bundesliga-Trainer, die ihre Formation komplett umgestellt haben und warum es funktioniert
6 Min. LesezeitDie Bundesliga ist bekannt für ihre taktische Vielfalt und das Mut zur Veränderung. Wir analysieren sieben Trainer, die in dieser Saison ihre Formation radikal umgestellt haben – und damit Erfolg hatten. Die Gründe sind vielfältig, die Ergebnisse sprechen für sich.
Horst Steffen bei Werder Bremen – Vom Dreierketten-System zur klassischen Viererkette
Werder Bremen spielte unter Ole Werner erfolgreich mit einer 3-5-2-Formation. Als Horst Steffen übernahm, wagte er den radikalen Schnitt und stellte auf ein 4-2-3-1 um. Die Beweggründe waren offensichtlich: Bremen fehlte es an Flexibilität im Pressing, und die Außenbahnen wurden nicht konsequent genug bespielt.

Mit der neuen Formation gewann Bremen an Kompaktheit in der Defensive. Die beiden Sechser bilden nun eine solide Absicherung vor der Viererkette, während der Zehner deutlich mehr Freiheiten im Zwischenlinienraum erhält. Die Außenstürmer rücken enger, was das Gegenpressing intensiviert.
Die Zahlen sprechen für sich:
| Metrik | Vor Umstellung | Nach Umstellung | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Gegentore pro Spiel | 1.8 | 1.2 | -33% |
| Ballbesitz (Durchschnitt) | 48% | 52% | +4% |
| Erfolgreiche Zweikämpfe | 51% | 57% | +6% |
| Chancen pro Spiel | 11.2 | 13.8 | +23% |
Der Schlüssel liegt in der verbesserten Raumdeckung. Steffens 4-2-3-1 erlaubt es, gegnerische Zehner konsequent zu stellen, während die Außenverteidiger bei Ballbesitz aufrücken und so Überzahlsituationen auf den Flügeln kreieren.
Erik ten Hag bei Bayer Leverkusen – Die Rückkehr zur Raute
Ten Hag übernahm Leverkusen mit einer etablierten 3-4-3-Struktur. Seine Antwort: ein klassisches 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld. Diese Formation mag altmodisch wirken, ist aber perfekt auf Leverkusens Kader zugeschnitten.
Die Raute ermöglicht numerische Überlegenheit im Zentrum. Mit einem defensiven Sechser als Basis, zwei dynamischen Achtern auf den Halbpositionen und einem spielstarken Zehner entsteht ein Mittelfeld-Viereck, das sowohl defensiv absichert als auch offensiv Durchschlagskraft entwickelt.
Warum es funktioniert: Leverkusens Stärke liegt im Kombinationsspiel durch die Mitte. Die Raute konzentriert vier technisch versierte Spieler im Zentrum, was schnelle Passstaffetten ermöglicht. Die beiden Stürmer profitieren von der konstanten Unterstützung des aufrückenden Zehners.

Bo Henriksen bei Mainz 05 – Vom Pragmatismus zur Offensive
Mainz spielte jahrelang ein defensiv orientiertes 5-3-2. Henriksen stellte auf ein mutiges 4-3-3 um, bei dem die Außenstürmer hoch und breit stehen. Diese Formationsänderung veränderte die DNA des Klubs.
Das neue System lebt von aktiver Balleroberung im gegnerischen Drittel. Die drei Stürmer attackieren früh, während die drei Mittelfeldspieler gestaffelt hinter ihnen Position beziehen. Bei Ballverlust schieben alle Mannschaftsteile sofort nach vorne – ein Pressing-System, das physische Fitness voraussetzt, aber enorme Chancenvorteile schafft.
Die Umstellung erforderte Anpassungen im Kader. Henriksen setzte auf schnelle, laufstarke Außenstürmer und einen zentralen Mittelstürmer, der Bälle festmachen kann. Das Mittelfeld wurde athletischer besetzt. Der Erfolg gibt ihm recht: Mainz gewann deutlich an Tor-Effizienz.
Gerardo Seoane bei Borussia Mönchengladbach – Asymmetrie als Waffe
Seoane übernahm ein Gladbach-Team, das in einem starren 4-2-3-1 feststeckte. Seine Lösung: ein asymmetrisches 4-3-3, bei dem der rechte Achter deutlich höher steht als der linke.
Diese Asymmetrie schafft Unberechenbarkeit. Der hohe rechte Achter bildet praktisch ein Sturm-Duo mit dem Mittelstürmer, während der linke Achter tiefer bleibt und Absicherung bietet. Der defensive Sechser verschiebt sich leicht nach links, um Passwege zu öffnen.
Die taktische Feinheit liegt im Detail:
- Der rechte Außenverteidiger rückt weniger auf als der linke
- Der rechte Flügelspieler kommt häufiger ins Zentrum
- Der linke Flügelspieler bleibt breit für Kontersituationen
- Das System kippt bei Ballbesitz faktisch in ein 3-2-5
Diese Formationsänderung nutzt die individuellen Stärken der Spieler optimal. Gladbach dominiert Spiele nun durch positionelle Überlegenheit statt durch reinen Ballbesitz.

Niko Kovac beim VfL Wolfsburg – Die defensive Stabilität durch Fünferkette
Wolfsburg kämpfte mit defensiven Problemen im 4-2-3-1. Kovac reagierte mit einer 5-2-3-Formation, die bei Ballbesitz in ein 3-4-3 übergeht. Die zwei zusätzlichen Innenverteidiger schaffen Sicherheit im Aufbauspiel und erlauben den Außenverteidigern aggressive Vorstöße.
Das System basiert auf klaren Prinzipien: Bei Ballbesitz rücken die äußeren Innenverteidiger breit, während die Schienenspieler zu Flügelstürmern werden. Das zentrale Mittelfeld-Duo bleibt kompakt und sichert ab. Im Pressing fällt Wolfsburg in eine kompakte Fünferkette zurück, die nur schwer zu überspielen ist.
Der Erfolg zeigt sich in den Defensivstatistiken. Wolfsburg kassiert durchschnittlich ein Gegentor weniger pro Spiel seit der Umstellung. Gleichzeitig steigerte sich die Offensive, da die Außenbahnen nun mit mehr Kraft attackiert werden.
Sebastian Hoeneß beim VfB Stuttgart – Positionswechsel im 4-2-2-2
Stuttgart spielte erfolgreich im 3-5-2, doch Hoeneß sah Entwicklungspotenzial. Er führte ein 4-2-2-2 ein, das auch als „Doppeltes 4-2-3-1" beschrieben werden kann. Die beiden Zehner agieren versetzt, während die zwei Stürmer flexibel zwischen Tiefe und Ballsicherung wechseln.
Diese Formation erlaubt Stuttgart, sich situativ anzupassen. Gegen ballorientierte Teams rücken die Zehner tiefer und bilden eine kompakte Sechser-Kette im Mittelfeld. Gegen tiefstehende Gegner schieben beide nach vorne und schaffen so vier offensive Spieler in der letzten Linie.
Zentrale Vorteile des Systems:
| Situation | Formationsanpassung | Vorteil |
|---|---|---|
| Eigenballbesitz | 2-4-4 | Numerische Überlegenheit im Angriff |
| Pressing | 4-4-2 | Kompakte Zweierreihen |
| Konter-Verteidigung | 4-2-3-1 | Schneller Rückfall ins Zentrum |
| Aufbauspiel | 3-3-4 | Innenverteidiger rückt zwischen die Sechser |
Die Flexibilität ist Stuttgarts größter Gewinn. Hoeneß schaffte ein System, das sich während des Spiels mehrfach morpht und Gegnern keine Chance lässt, sich dauerhaft anzupassen.
Markus Weinzierl beim FC Augsburg – Rückkehr zu bewährten Mustern
Augsburg experimentierte mit verschiedenen Dreierketten-Systemen, die jedoch nie richtig griffen. Weinzierl stellte auf ein bodenständiges 4-4-2 mit flacher Viererkette um. Kein taktisches Feuerwerk, sondern solides Handwerk.
Das 4-4-2 lebt bei Augsburg von klarer Rollendefinition. Die beiden Stürmer pressen koordiniert, die Außen- und Innenmittelfeldspieler verschieben synchron. Bei Ballbesitz rückt ein Sechser höher, während der andere absichert – faktisch entsteht dann ein 4-1-3-2.
Die Stärke liegt in der Einfachheit. Jeder Spieler kennt seine Position und Aufgabe. Es gibt weniger taktische Missverständnisse, dafür mehr Prinzipientreue. Augsburg wurde durch diese Umstellung berechenbarer, aber auch deutlich stabiler. In einer Liga, in der Konstanz den Klassenerhalt sichert, ist das Gold wert.

Warum Formationsänderungen funktionieren – Die übergeordneten Prinzipien
Die Analyse dieser sieben Trainer zeigt wiederkehrende Erfolgsmuster. Erstens: Die neue Formation nutzt die vorhandenen Spielerstärken besser als die alte. Zweitens: Die Umstellung schafft taktische Lösungen für spezifische Probleme. Drittens: Die Trainer kommunizieren das neue System klar und setzen es konsequent um.
Ein weiterer Faktor ist das Überraschungsmoment. Gegner brauchen Zeit, um sich auf veränderte Spielweisen einzustellen. Die ersten Wochen nach einer Formationsänderung bringen oft überproportionale Erfolge, weil Scouting-Reports veraltet sind.
Kritische Erfolgsfaktoren bei Formationsumstellungen:
- Spielermaterial passt zur neuen Formation
- Klare Kommunikation der taktischen Prinzipien
- Ausreichend Trainingszeit für Automatismen
- Mentale Offenheit der Mannschaft für Veränderung
- Mut des Trainers, bei Rückschlägen am System festzuhalten
Die Bundesliga beweist einmal mehr, dass taktische Flexibilität ein Wettbewerbsvorteil ist. Trainer, die den Mut haben, etablierte Systeme zu hinterfragen und neu zu denken, verschaffen ihren Teams entscheidende Vorteile.
Die Kunst liegt nicht nur im Erkennen des Problems, sondern auch in der präzisen Diagnose der Lösung. Jede der sieben vorgestellten Formationsänderungen wurde maßgeschneidert für die jeweilige Mannschaft entwickelt. Es gibt keine universelle Erfolgsformel – nur individuelle Antworten auf spezifische Herausforderungen.
Für uns als Beobachter bleibt es spannend zu sehen, welche dieser taktischen Experimente sich langfristig bewähren. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Gegner Antworten finden oder ob die Trainer ihre Systeme weiter verfeinern müssen. Die taktische Entwicklung in der Bundesliga bleibt dynamisch – und genau das macht sie so faszinierend.
