xG-Statistiken entschlüsselt: Wie du Expected Goals für Value Bets nutzt (Schritt-für-Schritt Anleitung)
6 Min. LesezeitWer regelmäßig auf Fußballspiele wettet, kennt das Problem: Team A gewinnt 2:0, dominiert das Spiel – und trotzdem verlierst du deine Over-Wette. Die Mannschaft hatte 18 Torschüsse, aber nur zwei davon führten zu Toren. Woran lag es? An mangelnder Chancenverwertung? An Pech? Oder waren die Schüsse einfach nicht hochwertig genug? Genau hier setzen Expected Goals (xG) an. Diese Kennzahl entschlüsselt die tatsächliche Qualität von Torchancen und zeigt dir, welche Teams systematisch über- oder unterperfomen. Wir erklären dir Schritt für Schritt, wie du xG-Daten für datenbasierte Value Bets nutzt.
Was sind Expected Goals (xG) – und warum solltest du sie kennen?
Expected Goals ist eine statistische Metrik, die jeder Torchance einen Wahrscheinlichkeitswert zwischen 0 und 1 zuweist. Ein xG-Wert von 0,25 bedeutet: Historisch gesehen führt ein Schuss aus dieser Position unter diesen Umständen in 25 % der Fälle zu einem Tor.
Die Berechnung basiert auf zehntausenden analysierten Schüssen und berücksichtigt folgende Faktoren:
- Distanz zum Tor
- Winkel zum Tor
- Art des Schusses (Fuß, Kopf)
- Spielsituation (Konter, Standardsituation, aus dem Spiel)
- Anzahl und Position der Verteidiger
- Starker oder schwacher Fuß
Ein Elfmeter hat beispielsweise einen xG-Wert von etwa 0,77 – denn statistisch werden 77 von 100 Strafstößen verwandelt. Ein Distanzschuss aus 35 Metern liegt dagegen nahe null.
Warum ist das für Wetten relevant? Weil xG dir zeigt, wie gut ein Team tatsächlich gespielt hat – unabhängig vom Ergebnis. Ein 1:0-Sieg mit 0,4 xG ist ein Glückstreffer. Ein 0:0 mit 2,8 xG ist Pech. Diese Diskrepanz nutzen wir für Value Bets.

Schritt 1: Verstehe die xG-Diskrepanz als Kernsignal
Die zentrale Erkenntnis für dein Wettverhalten: Wenn ein Team über mehrere Spiele hinweg deutlich mehr (oder weniger) Tore erzielt, als es laut xG sollte, liegt eine Verzerrung vor. Diese korrigiert sich statistisch über längere Zeiträume.
Überperformance: Ein Team schießt 15 Tore bei nur 8,5 xG. Die Chancenverwertung liegt weit über dem Durchschnitt. Das ist kurzfristig möglich, aber nicht nachhaltig. Die Tore werden zurückgehen – auch wenn die Spielweise gleichbleibt.
Unterperformance: Ein Team erzielt 6 Tore bei 13,2 xG. Die Mannschaft kreiert hochwertige Chancen, trifft aber nicht. Statistisch wird sich das ausgleichen – die Tore kommen.
Deine Aufgabe: Identifiziere solche Teams, bevor der Markt reagiert. Buchmacher passen Quoten oft erst an, wenn sich die Tordifferenz im Ergebnis zeigt – nicht, wenn die xG-Daten bereits eine Korrektur ankündigen.
Schritt 2: Sammle xG-Daten aus verlässlichen Quellen
Für fundierte Analysen brauchst du Zugang zu aktuellen xG-Statistiken. Folgende Plattformen stellen Daten bereit:
Understat: Bietet detaillierte xG-Werte für die Top-5-Ligen in Europa, inklusive xG pro Spiel, kumulierter xG über die Saison und xG-Differenz.
FBref: Kombiniert xG mit weiteren Advanced Metrics wie xA (Expected Assists), xG pro Shot und Defensive xG.
Infogol: Spezialisiert auf xG-Daten und bietet Match-Previews mit xG-Prognosen.
Wyscout/StatsBomb: Professionelle Datenbanken, teils kostenpflichtig, mit tiefergehenden Analysemöglichkeiten.
Notiere dir für jedes relevante Team:
- xG pro Spiel (Offensive)
- xGA pro Spiel (Defensive Expected Goals Against)
- Tore vs. xG-Differenz über die letzten 5–10 Spiele
- xG in Heim- vs. Auswärtsspielen
Schritt 3: Berechne die xG-Abweichung über Rolling Averages
Eine einzelne Spielstatistik ist Zufall. Erst über mehrere Spiele hinweg erkennst du Muster. Wir arbeiten mit Rolling Averages (gleitenden Durchschnitten) über 5–10 Spiele.
Beispiel:
Team A hat in den letzten 8 Spielen folgende xG-Werte erzielt: 1,8 / 2,1 / 1,5 / 2,3 / 1,9 / 2,0 / 1,7 / 2,2. Das ergibt einen Durchschnitt von 1,94 xG pro Spiel.
Im gleichen Zeitraum erzielte Team A tatsächlich: 3 / 2 / 1 / 3 / 3 / 1 / 2 / 4 Tore – also durchschnittlich 2,38 Tore pro Spiel.
Die Differenz: +0,44 Tore über xG. Team A überperformt deutlich.
Interpretation: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Team A in den kommenden Spielen weniger trifft – selbst wenn die Spielweise konstant bleibt. Der Markt bewertet das Team aber noch auf Basis der aktuellen Tordifferenz. Hier entsteht Value auf Under-Wetten oder auf Gegner.

Schritt 4: Vergleiche xG mit den Marktquoten
Jetzt wird es konkret. Du hast die xG-Daten analysiert und eine Diskrepanz identifiziert. Im nächsten Schritt vergleichst du deine Erwartung mit den Buchmacher-Quoten.
Praxisbeispiel:
Team B empfängt Team C. Deine xG-Analyse zeigt:
- Team B: 1,6 xG pro Spiel (Heim)
- Team C: 0,9 xGA pro Spiel (Auswärts)
- Erwartete xG für Team B in diesem Spiel: ca. 1,8–2,0
Die Buchmacher bieten für „Team B Over 1,5 Tore" eine Quote von 2,10. Du berechnest die faire Quote selbst:
Bei 1,9 erwarteten Toren liegt die Wahrscheinlichkeit für mindestens 2 Tore bei etwa 55–60 % (über Poisson-Verteilung). Die faire Quote wäre somit 1,67–1,82. Die angebotene Quote von 2,10 bietet dir einen Edge von ca. 15–20 %.
Fazit: Das ist ein klarer Value Bet.
Schritt 5: Berücksichtige Kontext-Faktoren
xG ist ein starkes Tool – aber kein Allheilmittel. Du musst zusätzliche Faktoren einbeziehen:
Verletzungen und Sperren: Fehlt der Topstürmer, der 40 % der xG generiert hat? Dann sinkt die erwartete Torgefahr deutlich.
Taktische Anpassungen: Wechselt ein Team von 4-3-3 auf 5-4-1, verändert sich die xG-Struktur massiv.
Motivation: Ein bereits abgestiegenes Team wird auch mit guten xG-Werten nicht performen.
Spieltempo: Teams, die in der zweiten Halbzeit deutlich mehr xG generieren, sind anfällig für frühe Gegentore und Under-Wetten.
Gegner-Qualität: xG-Werte gegen Top-5-Teams sind weniger aussagekräftig als gegen durchschnittliche Gegner.
Schritt 6: Nutze Defensive xG (xGA) für stabilere Prognosen
Während Offensive xG volatil sein kann (ein Stürmer-Formtief genügt), ist Defensive xG (xGA – Expected Goals Against) oft stabiler. Teams mit konstant niedrigen xGA-Werten verteidigen strukturiert und geben wenig hochwertige Chancen zu.
Strategie:
Identifiziere Teams mit niedriger xGA, aber hoher tatsächlicher Gegentoranzahl. Diese Teams haben Pech gehabt – oder einen schwachen Torhüter. In kommenden Spielen wird sich die Defensive xGA durchsetzen.
Beispiel:
Team D lässt pro Spiel nur 0,8 xGA zu (ligaweit Top 3), hat aber trotzdem 1,6 Gegentore kassiert. Diagnosis: Der Keeper hat unterperformt. Sobald der Durchschnitt sich angleicht, wird Team D defensiv stabiler – perfekt für Under-Wetten oder Double-Chance-Wetten.

Schritt 7: Kombiniere xG mit Form und Trends
Nutze xG nicht isoliert, sondern in Kombination mit aktuellen Trends:
- Hat ein Team die letzten drei Spiele gewonnen, obwohl es jeweils weniger xG als der Gegner hatte? Das ist Regression zur Mitte – die Siege sind nicht nachhaltig.
- Verliert ein Team trotz konstant höherer xG? Das Team ist due – die Ergebnisse werden sich drehen.
Wir empfehlen, einen Spreadsheet anzulegen:
| Team | xG | Tore | Differenz | Trend |
|---|---|---|---|---|
| A | 1,9 | 2,4 | +0,5 | Überperformance |
| B | 1,6 | 1,0 | -0,6 | Unterperformance |
Aktualisiere die Daten wöchentlich und tracke die Entwicklung.
Häufige Fehler beim Einsatz von xG
Fehler 1: xG als absolute Wahrheit behandeln
xG ist ein Modell – kein Orakel. Ausreißer sind normal. Nutze xG als eines von mehreren Signalen.
Fehler 2: Zu kurze Zeiträume analysieren
Ein einzelnes Spiel mit 0,3 xG und 2 Toren ist kein Trend. Arbeite mit mindestens 5–8 Spielen.
Fehler 3: Kontextfaktoren ignorieren
xG gegen Bayern München ist nicht vergleichbar mit xG gegen einen Abstiegskandidaten.
Fehler 4: Defensive xG vernachlässigen
Offensive xG allein erzählt nur die halbe Geschichte. xGA ist oft der stabilere Indikator.
Fehler 5: Marktreaktionen unterschätzen
Sobald ein Team mehrere Spiele in Folge über- oder unterperformt, passt der Markt die Quoten an. Dein Edge schwindet. Agiere früh.
Umsetzung: Dein wöchentlicher xG-Workflow
- Montags: Aktualisiere deine xG-Datenbank mit den Werten vom Wochenende.
- Dienstags: Berechne Rolling Averages und identifiziere die Top 5 Teams mit größter xG-Abweichung.
- Mittwochs: Analysiere kommende Fixtures und gleiche xG-Erwartungen mit Buchmacher-Quoten ab.
- Donnerstags: Prüfe Kontext-Faktoren (Aufstellungen, Verletzungen, Motivation).
- Freitags/Samstags: Platziere deine Wetten auf identifizierte Value-Spots.
- Sonntags: Tracke Ergebnisse und lerne aus Abweichungen.
Mit diesem strukturierten Ansatz verwandelst du xG-Daten in konsistente Wettvorteile. Du wettest nicht mehr auf Bauchgefühl oder Namen – sondern auf datenbasierte Diskrepanzen zwischen erwarteter und tatsächlicher Performance. Genau dort liegt langfristig der Edge im Sportwetten-Markt.
