Wie Leipzigs neue Rauten-Formation die Bundesliga taktisch revolutioniert in 5 Spielzuegen erklaert
5 Min. LesezeitRB Leipzig gilt seit Jahren als taktisches Labor der Bundesliga. Während andere Klubs an bewährten Systemen festhalten, experimentiert Leipzig unter Marco Rose mit flexiblen Formationen, die Gegner regelmäßig vor unlösbare Aufgaben stellen. Im Fokus steht dabei eine Formation, die in der deutschen Topliga fast in Vergessenheit geraten war: die klassische Raute im 4-1-2-1-2-System.
Die Raute ist kein völlig neues Konzept für Leipzig. Schon unter früheren Trainern gab es Ansätze in diese Richtung. Rose bringt jedoch eine Variante mit, die er aus seiner erfolgreichen Zeit bei Red Bull Salzburg kennt und die perfekt zur DNA des Klubs passt: vertikal, intensiv, balleroberungsorientiert. Wir analysieren die fünf zentralen Spielzüge, mit denen Leipzig diese Formation nutzt, um die Bundesliga-Konkurrenz taktisch auszuspielen.
Die taktische Grundordnung zwischen 4-2-2-2 und Raute
Leipzigs primäres System bleibt das 4-2-2-2, das Rose bevorzugt, weil der Kader darauf zugeschnitten ist. Zwei Sechser bilden die Basis, zwei offensive Achter agieren dahinter, zwei Stürmer komplettieren die Doppelspitze. Diese Formation ermöglicht Flexibilität in der Breite und schnelle Umschaltmomente.
Die Raute im 4-1-2-1-2 funktioniert als kompatible Alternative. Ein einzelner Sechser sichert vor der Abwehr ab, zwei zentrale Mittelfeldspieler besetzen die Halbräume, ein Zehner agiert zwischen den Linien, zwei Stürmer greifen an. Der Unterschied wirkt auf dem Papier marginal, in der Praxis entstehen dadurch völlig andere Raumbesetzungsmuster.

Die zentrale Erkenntnis: Leipzig wechselt situativ zwischen beiden Systemen, manchmal sogar innerhalb eines Spiels. Die Außenverteidiger und das zentrale Mittelfeld passen ihre Positionen dynamisch an, je nachdem ob mehr Breite oder zentrale Dominanz gefragt ist. Diese Flexibilität macht Leipzig so schwer ausrechenbar.
Spielzug 1 – Zentrale Überzahl durch kompakte Rautenbesetzung
Der erste und wichtigste Mechanismus der Raute liegt in der zentralen Verdichtung. Mit Sechser, zwei Achtern, Zehner und zwei Stürmern positioniert Leipzig sechs Spieler im zentralen Korridor. Gegnerische Defensivformationen mit nur zwei oder drei zentralen Mittelfeldspielern sind damit zahlenmäßig unterlegen.
Diese Überzahl nutzt Leipzig gezielt beim Spielaufbau. Der Sechser erhält konstant Anspielstationen in seiner Nähe, kurze Pässe ermöglichen schnelles Kombinationsspiel. Sobald der Ball die erste Pressinglinie überwindet, finden die beiden zentralen Mittelfeldspieler Raum zwischen den Linien.
Der entscheidende Vorteil: Ballverluste in Gegnernähe führen sofort zu Konterpressen-Situationen. Leipzig hat genug Spieler in der Nähe des Balls, um ihn innerhalb von Sekunden zurückzuerobern. Die statistischen Daten zeigen, dass Leipzig zu den Bundesliga-Teams mit den meisten Ballrückeroberungen im gegnerischen Drittel gehört.
Spielzug 2 – Vertikales Direktspiel über den Zehner
Der Zehner in der Rautenspitze wird zum taktischen Dreh- und Angelpunkt. Er positioniert sich zwischen gegnerischer Mittelfeld- und Abwehrlinie, in einer Zone, die Gegner nur schwer kontrollieren können. Rückt ein Innenverteidiger heraus, entsteht Raum für die Stürmer. Bleibt die Abwehr tief, erhält der Zehner Zeit und Raum zur Ballverarbeitung.
Leipzig nutzt diesen Mechanismus für vertikale Direktpässe. Der Sechser oder die Achter spielen den Zehner gezielt an, der mit dem ersten Kontakt zur Seite abdreht oder direkt auf die Stürmer durchsteckt. Diese Spielweise reduziert die Anzahl der Pässe vom Aufbau bis zum Torabschluss erheblich.
Die beiden Stürmer profitieren von dieser zentralen Achse. Sie müssen nicht auf Flanken warten, sondern erhalten präzise Pässe in die Tiefe oder in den Strafraum. Leipzigs Torstatistiken zeigen einen hohen Anteil an Toren aus zentralen Positionen, ein direktes Resultat dieser vertikalen Spielweise.

Spielzug 3 – Asymmetrische Außenverteidiger-Positionierung
Die Raute verzichtet auf klassische Flügelspieler. Diese Lücke füllt Leipzig durch asymmetrisch agierende Außenverteidiger. In Ballbesitz rückt ein Außenverteidiger hoch und breit, während der andere defensive Absicherung übernimmt. Diese Asymmetrie verhindert, dass Leipzig zu berechenbar wird.
Der hochrückende Außenverteidiger übernimmt Aufgaben eines Flügelspielers: Flanken, Überlappungen, Raumbesetzung an der Seitenlinie. Der absichernde Außenverteidiger bildet mit dem Sechser und den Innenverteidigern eine Dreierkette im Aufbau. Bei Ballverlust ist Leipzig sofort in defensiver Grundordnung.
Taktische Raffinesse: Leipzig rotiert diese Rollen je nach Spielverlauf und Gegner. Gegen Teams, die eine Seite offensiv überlasten wollen, passt Leipzig die Asymmetrie an. Gegen defensiv ausgerichtete Gegner können sogar beide Außenverteidiger gleichzeitig aufrücken, während der Sechser allein absichert.
Spielzug 4 – Zonales Pressing mit Rautenformation
Leipzigs Pressing-Mechanismen gehören zu den intensivsten der Bundesliga. Die Raute verstärkt diese Eigenschaft. Mit sechs zentral positionierten Feldspielern kann Leipzig gegnerische Aufbauzonen komplett zustellen. Die beiden Stürmer attackieren die Innenverteidiger, der Zehner überwacht den gegnerischen Sechser, die beiden Achter decken die Halbräume ab.
Dieses zonale Pressing zwingt Gegner zu langen Bällen oder riskanten Pässen in überfüllte Zentren. Leipzig gewinnt den Ball in hohen Positionen und startet sofort Angriffe aus gefährlichen Räumen. Die durchschnittliche Höhe der Balleroberungen liegt bei Leipzig deutlich über dem Bundesliga-Durchschnitt.
Entscheidend ist die Ballverlusttoleranz. Leipzig akzeptiert Ballverluste in Gegnernähe, weil das System sofortiges Gegenpressen ermöglicht. Statistisch verliert Leipzig zwar häufiger den Ball als defensiv ausgerichtete Teams, erobert ihn aber auch schneller zurück. Dieser Mechanismus erzeugt ein hohes Spieltempo, das viele Gegner überfordert.

Spielzug 5 – Schnelle Umschaltmomente nach Ballgewinn
Der fünfte zentrale Spielzug verbindet alle vorherigen Mechanismen: das Umschaltspiel. Leipzig ist darauf trainiert, innerhalb von Sekunden von Defensive auf Offensive zu wechseln. Die kompakte Rautenformation positioniert Spieler bereits in idealen Konter-Positionen.
Nach Ballgewinn sucht Leipzig sofort die Tiefe. Die beiden Stürmer starten Läufe hinter die gegnerische Abwehrkette, der Zehner rückt nach, die Achter unterstützen. Innerhalb von drei bis vier Pässen entsteht eine Torchance. Diese Umschaltgeschwindigkeit unterscheidet Leipzig von anderen Bundesliga-Teams.
Datenbasierte Erkenntnis: Leipzig erzielt einen überdurchschnittlich hohen Anteil seiner Tore innerhalb der ersten zehn Sekunden nach Ballgewinn. Diese Konter-Tore sind das direkte Resultat der Rautenformation, die Spieler in zentralen, gefährlichen Räumen sammelt.
Die Außenverteidiger spielen auch hier eine Schlüsselrolle. Sie bieten Breite bei Kontern, was Gegner zwingt, ihr defensives Rückzugsverhalten aufzuspalten. Ein zentraler Konter über die Raute kombiniert mit einem breiten Sprint des Außenverteidigers erzeugt Überzahlsituationen.
Taktische Wirkung auf die Bundesliga-Konkurrenz
Leipzigs flexible Nutzung der Raute zwingt Bundesliga-Teams zum Umdenken. Traditionelle 4-2-3-1- oder 4-3-3-Systeme haben Schwierigkeiten, Leipzigs zentrale Überzahl zu neutralisieren. Trainer müssen entscheiden: Stellen sie das Zentrum zu und riskieren Überlastung an den Flügeln? Oder halten sie Breite und akzeptieren zentrale Unterlegenheit?
Die Formation funktioniert besonders gut gegen Teams, die selbst offensiv agieren wollen. Leipzigs Pressing und Umschaltspiel bestraft offene Räume gnadenlos. Gegen defensiv organisierte Gegner muss Leipzig die Raute anpassen oder zum breiteren 4-2-2-2 wechseln, um Defensivblöcke aufzubrechen.
Marco Roses taktische Intelligenz liegt in der situativen Anwendung. Leipzig spielt nicht stur eine Formation, sondern passt sich dem Gegner und Spielverlauf an. Diese Flexibilität macht Leipzig zu einem der taktisch vielseitigsten Teams der Bundesliga und erklärt, warum sie regelmäßig auch gegen vermeintlich stärkere Gegner bestehen können.
Die Raute ist keine Revolution im klassischen Sinne, aber ihre moderne Interpretation durch Leipzig zeigt, wie alte Formationen mit zeitgemäßen Prinzipien wie Pressing, Umschaltspiel und Flexibilität kombiniert werden können. Andere Bundesliga-Teams werden diese Entwicklung genau beobachten und möglicherweise eigene Varianten entwickeln.
