So verändert Alonso die Leverkusen-DNA – Pressing-Statistiken zeigen die taktische Revolution in Zahlen
6 Min. LesezeitAls Xabi Alonso im Oktober 2022 bei Bayer Leverkusen übernahm, stand der Klub auf einem Abstiegsplatz. Heute sprechen wir von einer der komplettiertesten Mannschaften Europas. Doch was genau hat sich verändert? Die Antwort liegt nicht in motivierenden Ansprachen oder neuen Trainingsmethoden, sondern in einer fundamentalen Neuausrichtung der taktischen DNA. Wir haben uns die Pressing-Statistiken genauer angeschaut und zeigen, welche Zahlen die Revolution unter Alonso belegen.
Von der Zonal- zur Man-Orientierung
Die wohl radikalste Veränderung betrifft das Pressing-Verhalten. Unter Alonsos Vorgängern praktizierte Leverkusen ein klassisches Zonenpressing, bei dem Spieler Räume abdeckten und situativ attackierten. Alonso brach mit diesem Ansatz komplett. Seine Mannschaft presst nun in einem extremen Man-to-Man-System über das gesamte Spielfeld hinweg.
Das bedeutet konkret, dass jeder Verteidiger einen direkten Gegenspieler zugewiesen bekommt und diesen über weite Strecken des Spielfeldes verfolgt. Jonathan Tah beispielsweise verfolgte im Bayern-Spiel Jamal Musiala bis tief in dessen eigene Hälfte. Diese individuelle Zuordnung zieht sich durch alle Mannschaftsteile und schafft ein konstantes Druckgefühl für den ballführenden Gegner.

Der entscheidende Unterschied zur klassischen Manndeckung liegt in der Höhe des Pressings. Während traditionelle Manndeckung oft im eigenen Drittel stattfindet, beginnt Alonsos System bereits im gegnerischen Aufbauspiel. Das zwingt Gegner zu deutlich mehr Fehlpässen und verhindert kontrollierte Spielaufbauphasen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Wenn wir uns die statistischen Daten anschauen, wird das Ausmaß der taktischen Neuausrichtung noch deutlicher. Im Champions-League-Spiel gegen Olympiakos kontrollierte Leverkusen bereits in der ersten Halbzeit über 60 Prozent des Ballbesitzes. Diese Dominanz resultiert direkt aus dem aggressiven Pressing, das frühe Ballgewinne erzwingt.
Noch beeindruckender sind die 738 Pässe, die Leverkusen in diesem Spiel verzeichnete. Das stellte einen neuen Klubrekord für die gesamte Champions-League-Saison dar. Diese Zahl zeigt nicht nur Ballbesitz, sondern auch die Fähigkeit, nach Ballgewinnen sofort in kontrolliertes Positionsspiel überzugehen.
| Statistik | Leverkusen vs. Bayern | Bedeutung |
|---|---|---|
| Torschüsse | 16 vs. 2 | Dominanz im Abschluss |
| Expected Goals (xG) | 2,23 vs. 0,14 | Qualität der Chancen |
| Ballgewinne im Angriffsdrittel | Deutlich erhöht | Frühes Pressing erfolgreich |
Die Partie gegen Bayern München liefert ein perfektes Fallbeispiel. Leverkusen kam auf 16 Torschüsse mit einem Expected-Goals-Wert von 2,23. Bayern dagegen brachte nur zwei Abschlüsse zustande, die zusammen lediglich 0,14 xG ergaben. Diese Diskrepanz entsteht nicht zufällig, sondern ist das direkte Ergebnis des Pressing-Systems, das Bayern nie zur Entfaltung kommen ließ.
Ballbesitz als taktische Konsequenz
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Ballbesitzfußball und Pressing als separate Konzepte zu betrachten. Bei Alonso sind sie untrennbar miteinander verbunden. Das aggressive Pressing dient nicht primär der Balleroberung tief in der eigenen Hälfte, sondern dem frühen Ballgewinn in gegnerischen Zonen.

Wenn Leverkusen den Ball in der gegnerischen Hälfte erobert, befinden sich die Spieler bereits in optimaler Position für den Angriff. Die durchschnittliche Ballgewinn-Position liegt deutlich höher als bei den meisten Bundesliga-Konkurrenten. Das erklärt, warum Leverkusen nicht nur viel Ballbesitz hat, sondern diesen auch unmittelbar in Torchancen umwandeln kann.
Die 738 Pässe gegen Olympiakos sind kein Selbstzweck. Sie resultieren aus der Tatsache, dass Leverkusen durch frühes Pressing den Ball immer wieder in gefährlichen Zonen gewinnt und dann durch kurzes Passspiel Lücken sucht. Jeder Pass ist Teil eines größeren taktischen Plans, nicht einfach nur Ballzirkulation.
Flexibilität als Schlüsselkomponente
Was Alonsos System von anderen Hochdruckmannschaften unterscheidet, ist die eingebaute taktische Flexibilität. Leverkusen ist nicht dogmatisch in seinem Pressing-Ansatz. Wenn Gegner das Man-Marking durch lange Bälle überspielen wollen, ist die Mannschaft darauf vorbereitet.
Bereits vor Spielbeginn gegen Bayern war Leverkusen eingestellt, das Münchner Pressing notfalls mit hohen Bällen zu überwinden. Diese Kombination aus aggressivem Pressing und pragmatischem Direktspiel schafft Mismatches. Gegner müssen ständig zwischen zwei gegensätzlichen Bedrohungen wechseln, was zu Verunsicherung und Fehlern führt.
| Taktische Variante | Einsatz | Effekt |
|---|---|---|
| Man-to-Man-Pressing | Standard gegen ballsichere Teams | Frühe Ballgewinne, hohe xG |
| Direktes Spiel | Bei gegnerischem Hochdruck | Überwindung der Pressing-Linie |
| Positionsspiel | Nach Ballgewinn | Kontrolle und Chancenkreierung |
Diese Flexibilität zeigt sich auch in den Pressing-Triggern. Nicht jede Situation führt zu maximalem Druck. Alonso hat klare Trigger definiert, wann die Mannschaft ins intensive Pressing geht. Rückpässe zum Torhüter, schlechte erste Kontakte oder Pässe in den Halbräumen aktivieren das System. In anderen Momenten fällt Leverkusen in eine kompaktere Grundordnung zurück.
Die individuelle Entwicklung der Spieler
Ein oft übersehener Aspekt der taktischen Revolution ist die individuelle Entwicklung einzelner Akteure. Das Man-Marking-System verlangt von jedem Spieler ein hohes Maß an taktischem Verständnis und physischer Bereitschaft. Spieler wie Granit Xhaka, der von Arsenal kam, mussten ihre Spielweise fundamental anpassen.
Xhaka war bei Arsenal eher der tiefe Spielmacher, der aus einer sicheren Position heraus das Spiel organisierte. Bei Leverkusen muss er deutlich mehr Distanz überbrücken, um seine direkten Gegenspieler zu attackieren. Die Statistiken zeigen, dass seine gelaufene Distanz pro Spiel unter Alonso um etwa 8 Prozent gestiegen ist, vor allem durch Sprint-Aktivitäten im Pressing.

Auch die Innenverteidiger zeigen eine bemerkenswerte Transformation. Jonathan Tah läuft pro Spiel durchschnittlich 600 Meter mehr als in seiner Zeit vor Alonso, größtenteils durch Pressing-Aktionen außerhalb der eigenen Abwehrkette. Diese physische Mehrbelastung wird durch intelligente Rotationen und Erholungsphasen im Ballbesitz kompensiert.
Vergleich zur Bundesliga-Konkurrenz
Wenn wir Leverkusens Pressing-Metriken mit anderen Bundesliga-Spitzenteams vergleichen, wird das Alleinstellungsmerkmal noch deutlicher. Bayern München unter Thomas Tuchel presste zwar ebenfalls hoch, aber weniger konsequent man-orientiert. Dortmund unter Edin Terzic setzte auf ein hybrides System aus Zonen- und Mannpressing.
| Team | Ballgewinne Angriffsdrittel/Spiel | PPDA* | Ballbesitz % |
|---|---|---|---|
| Leverkusen | 5,8 | 7,2 | 61,3 |
| Bayern München | 4,9 | 8,1 | 58,7 |
| Borussia Dortmund | 4,2 | 9,5 | 54,2 |
| RB Leipzig | 5,1 | 7,8 | 55,9 |
*PPDA = Passes Per Defensive Action (niedrigerer Wert = intensiveres Pressing)
Die Tabelle zeigt Leverkusens Führungsposition bei allen relevanten Pressing-Kennzahlen. Mit 5,8 Ballgewinnen im gegnerischen Drittel pro Spiel liegt man deutlich vor der Konkurrenz. Der PPDA-Wert von 7,2 bedeutet, dass Gegner durchschnittlich nur gut sieben Pässe spielen können, bevor Leverkusen eine defensive Aktion ausführt. Das ist ein extrem niedriger Wert, der die Intensität des Systems verdeutlicht.
Langfristige Nachhaltigkeit
Eine berechtigte Frage betrifft die physische Nachhaltigkeit eines so intensiven Pressing-Systems. Historisch gesehen führten Hochdruck-Systeme oft zu Ermüdungserscheinungen in der Rückrunde oder zu erhöhten Verletzungszahlen. Alonso hat hier jedoch Vorkehrungen getroffen.
Die Rotation im Kader ist deutlich ausgeprägter als bei vergleichbaren Teams. Kein Feldspieler hat in der vergangenen Saison mehr als 85 Prozent der möglichen Spielminuten absolviert. Diese konsequente Rotation hält die physische Frische aufrecht und verhindert Überlastungen. Zudem sind die Ballbesitzphasen so gestaltet, dass sie als aktive Erholung dienen. Wenn Leverkusen den Ball hat, läuft die Mannschaft deutlich weniger, positioniert sich aber optimal für den nächsten Pressing-Moment.
Die Zukunft des deutschen Fußballs
Alonsos Arbeit bei Leverkusen könnte wegweisend für die gesamte Bundesliga werden. Bereits jetzt sehen wir, dass andere Trainer Elemente seines Systems übernehmen. Die Kombination aus extremem Man-Marking, hohem Ballbesitz und taktischer Flexibilität bietet ein Erfolgsrezept, das schwer zu kopieren, aber hocheffektiv ist.
Für die kommende Saison wird entscheidend sein, wie Gegner auf dieses System reagieren. Erste Anpassungen sehen wir bereits. Teams versuchen, mit noch längeren Bällen das Pressing zu überspielen oder setzen auf extrem schnelle Umschaltmomente. Doch Alonsos System entwickelt sich stetig weiter, passt sich an und bleibt dadurch seiner Konkurrenz einen Schritt voraus.
Die Pressing-Statistiken zeigen eindeutig, dass unter Xabi Alonso eine taktische Revolution stattgefunden hat. Das aggressive Man-to-Man-System, kombiniert mit Ballbesitzdominanz und taktischer Flexibilität, hat Leverkusen von einem Abstiegskandidaten zu einem europäischen Spitzenteam transformiert. Die Zahlen lügen nicht – und sie versprechen, dass diese Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist.
