Sind klassische Neuner wirklich tot in der modernen Bundesliga 2026
5 Min. LesezeitWer in den letzten Jahren die taktischen Diskussionen in der Bundesliga verfolgt hat, kennt diese These: Der klassische Neuner ist ein Auslaufmodell. Zu statisch, zu unflexibel für das moderne Positionsspiel. Doch wenn wir uns die Entwicklung in der Saison 2025/26 genauer ansehen, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Die Totgesagten leben länger – und spielen aktuell sogar besser denn je.
Nagelsmanns taktische Kehrtwende bei der Nationalmannschaft
Julian Nagelsmann hat in seiner Zeit als Bundestrainer eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen. Während in den Jahren zuvor häufig auf falsche Neuner oder ins Zentrum gezogene Flügelspieler gesetzt wurde, zeigt die Statistik der vergangenen Nations-League-Spiele einen klaren Trend: In sechs der sieben Länderspiele setzte Nagelsmann auf einen klassischen Mittelstürmer.
Die Namen verdeutlichen die neue Stoßrichtung: Tim Kleindienst kam dreimal zum Einsatz, Niclas Füllkrug und Deniz Undav je einmal. Nur gegen Ungarn verzichtete der Bundestrainer auf einen traditionellen Strafraumstürmer. Diese taktische Neuausrichtung ist kein Zufall, sondern eine bewusste Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen.

Die Renaissance der Strafraumstürmer in Zahlen
Schauen wir uns die aktuelle Torjägerliste der Bundesliga genauer an, wird die Renaissance klassischer Neuner noch deutlicher. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:
| Spieler | Verein | Tore | Vorlagen | Spielweise |
|---|---|---|---|---|
| Jonathan Burkardt | FSV Mainz 05 | 15 | 2 | Klassischer Neuner |
| Tim Kleindienst | Borussia Mönchengladbach | 12 | 4 | Robuster Zielspieler |
| Deniz Undav | VfB Stuttgart | 11 | 6 | Wandelspieler |
| Niclas Füllkrug | West Ham United | 9 | 3 | Traditioneller Stoßstürmer |
Besonders auffällig: Die Effizienz dieser Spieler im Sechzehner liegt deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen Saisons. Burkardt beispielsweise verwandelt aktuell 24 Prozent seiner Torchancen – ein Wert, der in den letzten fünf Jahren nur von Robert Lewandowski übertroffen wurde.
Jonathan Burkardt als Paradebeispiel der neuen Generation
Der 24-jährige Mainzer Kapitän verkörpert perfekt, was einen modernen klassischen Neuner ausmacht. Mit 15 Saisontoren spielt Burkardt nach eigener Aussage die beste Saison seiner Karriere. Was macht ihn so effektiv?
Seine Stärke liegt in der Kombination aus klassischem Strafrauminstinkt und moderner Beweglichkeit. Burkardt ist kein statischer Zielspieler alter Schule, sondern nimmt aktiv am Kombinationsspiel teil. Seine Laufwege sind intelligent, er zieht gezielt Verteidiger aus der Position und schafft so Räume für nachrückende Mittelfeldspieler.
Die durchschnittliche Laufdistanz pro Spiel liegt bei knapp 11 Kilometern – deutlich mehr als bei klassischen Neuner-Legenden der 2000er Jahre. Gleichzeitig verbringt er 43 Prozent seiner Spielzeit im gegnerischen Strafraum, was seine Präsenz in entscheidenden Zonen unterstreicht.

Taktische Gründe für die Rückkehr des Neuners
Die Renaissance klassischer Mittelstürmer hat handfeste taktische Gründe. In den vergangenen Jahren haben sich Abwehrformationen in der Bundesliga massiv weiterentwickelt. Dreier- und Fünferketten sind zum Standard geworden, das Verschieben in kompakten Blöcken wurde perfektioniert.
Gegen diese dichtgestaffelten Defensivverbände erweisen sich klassische Neuner als wertvollstes Werkzeug. Sie binden mindestens einen, oft sogar zwei zentrale Verteidiger und schaffen damit automatisch Räume in den Halbräumen. Genau diese Räume sind es, die moderne Offensivsysteme benötigen.
Ein weiterer Faktor: Die Qualität der Flanken hat sich verbessert. Mit Spielern wie Raphael Guerreiro, Maximilian Mittelstädt oder Jonas Hofmann verfügt die Bundesliga über Außenbahnspieler, die präzise Hereingaben liefern. Diese Qualität zu nutzen, erfordert Abnehmer im Strafraum – und genau hier kommen die klassischen Neuner ins Spiel.
Die Gladbach-Strategie mit Tim Kleindienst
Borussia Mönchengladbach zeigt exemplarisch, wie ein klassischer Neuner ein gesamtes Offensivsystem zum Leben erwecken kann. Trainer Gerardo Seoane hat sein taktisches Konzept komplett auf Kleindienst ausgerichtet.
Der 1,94 Meter große Stürmer dient als Fixpunkt im Angriff. Rund 38 Prozent aller Gladbacher Offensivaktionen laufen über Kleindienst – sei es als direkter Zielspieler oder als Anspielstation für Kombinationen. Seine Kopfballstärke nutzt die Borussia systematisch: 62 Prozent der Flanken zielen direkt auf den großgewachsenen Mittelstürmer ab.
Was die Statistik besonders interessant macht: Seit Kleindienstes Verpflichtung hat sich die Torquote der Borussen um 23 Prozent verbessert. Das Team erzielt mehr Tore aus Standardsituationen und hat eine deutlich höhere Effizienz bei Konterangriffen – beides direkte Folgen der Präsenz eines klassischen Neuners.

Europäischer Vergleich zeigt Bundesliga-Besonderheit
Werfen wir einen Blick über die Grenzen der Bundesliga, zeigt sich: Deutschland liegt mit dieser Entwicklung im europäischen Trend. Während die Premier League mit Erling Haaland bereits seit Jahren auf einen klassischen Strafraumstürmer setzt und dieser alle Rekorde bricht, ziehen nun auch andere Ligen nach.
In Spanien hat Real Madrid mit der Verpflichtung von Kylian Mbappé zwar auf Flexibilität gesetzt, doch die Statistiken zeigen: Die Königlichen sind am effektivsten, wenn Mbappé zentral als klassischer Neuner agiert. Der FC Barcelona hingegen experimentiert weiterhin mit falschen Neunen – mit mäßigem Erfolg.
Die Serie A erlebt ebenfalls eine Neuner-Renaissance. Victor Osimhen bei Napoli, Lautaro Martínez bei Inter Mailand oder Dusan Vlahovic bei Juventus Turin – überall dominieren klassische Mittelstürmer die Torjägerlisten.
Wie Vereine ihre Systeme anpassen
Die taktische Anpassung an klassische Neuner erfordert mehr als nur die Verpflichtung eines entsprechenden Spielers. Wir sehen in der Bundesliga verschiedene Ansätze:
Mainz 05 nutzt Burkardts Beweglichkeit für ein flexibles 3-4-2-1-System. Die beiden Zehner rücken eng an den Neuner heran, wodurch ein variables Dreieck im letzten Drittel entsteht. Diese Formation ermöglicht schnelle Kombinationen bei gleichzeitiger Strafraumbesetzung.
Borussia Dortmund hat nach dem Abgang von Youssoufa Moukoko die Stürmerposition neu besetzt und setzt nun verstärkt auf Sebastien Haller als klassischen Zielspieler. Das System profitiert von der Kombination aus Hallers Strafrauminstinkt und der Geschwindigkeit der Außenstürmer Karim Adeyemi und Donyell Malen.
VfB Stuttgart verfolgt unter Sebastian Hoeneß einen hybriden Ansatz. Deniz Undav agiert als Wandelspieler zwischen klassischem Neuner und falschem Neun. Je nach Spielsituation passt er seine Position an – ein taktischer Kniff, der die Abwehr des Gegners vor ständig neue Herausforderungen stellt.

Die Entwicklung junger Talente
Besonders interessant ist die Auswirkung dieser Renaissance auf die Jugendarbeit. Nachdem jahrelang vor allem flexible Offensivspieler gefördert wurden, erleben wir nun eine Rückbesinnung auf die klassische Stürmerausbildung.
Die Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga haben reagiert. Bei Borussia Dortmund, dem FC Bayern München und RB Leipzig werden wieder gezielt klassische Neuner ausgebildet. Die Trainingseinheiten fokussieren sich verstärkt auf Strafraumbesetzung, Kopfballtraining und Abschlusstraining aus verschiedenen Positionen.
Talente wie Youssoufa Moukoko oder Paul Wanner zeigen bereits, dass diese Ausbildung Früchte trägt. Beide verfügen über die technische Finesse moderner Offensivspieler, bringen aber auch den klassischen Torriecher mit, der einen echten Neuner auszeichnet.
Ausblick auf die kommenden Jahre
Die Frage, ob klassische Neuner tot sind, können wir eindeutig mit Nein beantworten. Vielmehr erleben wir eine Evolution dieser Position. Der moderne Neuner vereint die Stärken klassischer Strafraumstürmer mit der Beweglichkeit und taktischen Variabilität zeitgemäßer Offensivspieler.
Für die kommende Europameisterschaft 2028 sehen wir bereits jetzt einen Luxus an Optionen für das deutsche Nationalteam. Jonathan Burkardt, Tim Kleindienst, Deniz Undav und die nachrückenden Talente bilden einen Pool an klassischen Neuner, von dem frühere Bundestrainer nur träumen konnten.
Die taktische Entwicklung in der Bundesliga zeigt: Flexibilität bedeutet nicht den Verzicht auf klassische Elemente, sondern deren intelligente Integration in moderne Systeme. Der Neuner ist nicht tot – er hat sich lediglich weiterentwickelt und ist heute wertvoller denn je.
