Leverkusens Xabi Alonso experimentiert mit Dreierkette – Taktische Analyse der letzten vier Bundesliga-Spiele zeigt radikalen Systemwechsel
6 Min. LesezeitDie taktische Landschaft bei Bayer Leverkusen hat sich grundlegend verändert. Allerdings nicht ganz so, wie viele vermuten würden. Xabi Alonso steht nicht mehr an der Seitenlinie der BayArena. Seit diesem Februar 2026 hat Erik ten Hag das Traineramt übernommen und steht vor einer interessanten Herausforderung: Soll er das taktische Erbe seines Vorgängers fortführen oder seinen eigenen Stempel aufdrücken?
Die Antwort darauf gibt Aufschluss über eine der spannendsten taktischen Entwicklungen der aktuellen Bundesliga-Saison. Ten Hag, bekannt für sein präferiertes 4-3-3-System aus seiner Zeit bei Ajax und Manchester United, erwägt nun einen radikalen Systemwechsel. Der Niederländer plant, Alonsos Dreierketten-Ansatz beizubehalten und weiterzuentwickeln. Diese Entscheidung wirft Fragen auf über Kontinuität, Kaderanpassung und taktische Flexibilität im modernen Spitzenfußball.
Der Trainerwechsel und seine taktischen Implikationen
Wenn ein neuer Trainer übernimmt, bringt er normalerweise sein bevorzugtes System mit. Ten Hag hätte also logischerweise zu seiner vertrauten Viererkette zurückkehren können. Doch Sportdirektor Simon Rolfes hat den Niederländer davon überzeugt, dass Alonsos Dreierketten-System dem aktuellen Kader besser entspricht.

Ten Hag selbst äußerte sich dazu eindeutig: "Ich glaube, es ist ein gutes System, das uns große Stabilität verleiht, und wir haben die Spieler dafür." Diese Aussage ist bemerkenswert, weil sie zeigt, dass selbst ein taktisch dogmatischer Trainer wie ten Hag bereit ist, sich anzupassen, wenn die Rahmenbedingungen es verlangen.
Die Stabilität, die ten Hag erwähnt, bezieht sich auf mehrere Faktoren. Eine Dreierkette bietet bessere Ballzirkulation im Aufbau, mehr zentrale Präsenz gegen gegnerisches Pressing und zusätzliche Absicherung bei Ballverlusten. Für einen Kader, der ein ganzes Jahr unter Alonso in diesem System gearbeitet hat, wäre eine komplette Umstellung mitten in der Saison ein massives Risiko gewesen.
Warum die Dreierkette für Leverkusen funktioniert
Wir müssen verstehen, warum Alonsos System so erfolgreich war und warum ten Hag es übernehmen will. Die taktische Grundordnung einer Dreierkette mit Flügelspielern bietet spezifische Vorteile, die perfekt zu Leverkusens Spielertypen passen.
Numerische Überlegenheit im Aufbau
Mit drei Innenverteidigern plus dem Torwart hat Leverkusen eine 4-gegen-2-Situation gegen die meisten Pressing-Systeme der Bundesliga. Das ermöglicht sauberen Spielaufbau auch gegen aggressive Gegner. Die zusätzliche zentrale Präsenz schafft mehr Passwege und reduziert das Risiko von Ballverlusten in gefährlichen Zonen.
Offensive Flügelspieler ohne defensive Kompromisse
Der entscheidende Vorteil liegt in der Positionierung der Außenbahnspieler. Alejandro Grimaldo, der als klassischer Linksverteidiger oft zu offensiv agierte, kann nun als Flügelback seine Stärken voll ausspielen. Mit 29 Jahren befindet er sich im perfekten Alter für diese körperlich anspruchsvolle Rolle. Seine Fähigkeit, die gesamte linke Seite abzudecken und offensive Akzente zu setzen, wird zum taktischen Trumpf statt zum defensiven Risiko.

Taktische Aufstellung und Spielerpositionen im Detail
Die konkrete Umsetzung der Dreierkette bei Leverkusen folgt einem klaren Muster, das wir anhand der Spielerpositionen analysieren können:
| Position | Spieler-Typ | Hauptaufgaben | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Innenverteidiger (links) | linksfüßiger Aufbauspieler | Spieleröffnung, diagonale Bälle | übernimmt häufig Vorstoßrolle |
| Innenverteidiger (zentral) | physisch starker Abwehrchef | Lufthoheit, Zweikampfführung | Stabilität bei gegnerischen Kontern |
| Innenverteidiger (rechts) | rechtsfüßiger Ballspieler | Absicherung, Raumdeckung | wichtig bei Pressing-Resistenz |
| Flügelback links | offensiver Außenverteidiger | Flankenwechsel, Tiefenläufe | Grimaldo als Prototyp dieser Position |
| Flügelback rechts | dynamischer Läufer | Breite, Tempoverschärfung | Balancierung zwischen Offensive und Defensive |
Diese Aufstellung verwandelt sich in der Offensive oft in ein 3-2-5 oder sogar 3-1-6, wenn beide Flügelbacks hochschieben. Das generiert enorme offensive Kapazität, besonders gegen tief stehende Gegner.
Ten Hags Vision für taktische Flexibilität
Interessant ist jedoch ten Hags langfristige Perspektive. Er betonte, dass er mittelfristig einen Kader aufbauen möchte, der sowohl mit Dreier- als auch mit Viererkette spielen kann. Diese taktische Variabilität ist im modernen Fußball ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Vorteile der Systemflexibilität
Die Fähigkeit, zwischen Systemen zu wechseln, bringt mehrere strategische Vorteile mit sich. Erstens erlaubt es situative Anpassungen während des Spiels. Gegen Teams, die in einem 4-4-2 verteidigen, kann eine Dreierkette Überlegenheit schaffen. Gegen Mannschaften mit drei Stürmern bietet eine Viererkette bessere numerische Balance.
Zweitens verhindert es, dass Gegner sich zu genau vorbereiten können. Wenn Leverkusen zwischen verschiedenen Grundordnungen wechseln kann, müssen Gegner für mehrere Szenarien planen, was ihre Vorbereitung komplizierter macht.
Drittens ermöglicht es bessere Kadernutzung. Spieler mit unterschiedlichen Profilen finden Einsatzzeiten, und Verletzungen oder Sperren können durch Systemanpassungen statt reinen Personalwechseln kompensiert werden.

Der Vergleich zwischen Alonsos und ten Hags Ansatz
Obwohl ten Hag das Dreierketten-System übernimmt, gibt es subtile aber wichtige Unterschiede in der philosophischen Herangehensweise:
| Aspekt | Xabi Alonso | Erik ten Hag |
|---|---|---|
| Pressing-Intensität | mittel bis hoch, positionsorientiert | sehr hoch, gegnerzentriert |
| Ballbesitzphasen | geduldig, rhythmisch | direkt, vertikal orientiert |
| Defensive Absicherung | kollektives Zurückfallen | aggressive Ballrückeroberung |
| Flankenwechsel | häufig, Teil des Spielkonzepts | gezielter, als Überraschungsmoment |
| Tempo im Aufbau | variabel, kontrolliert | konstant hoch |
Diese Unterschiede bedeuten nicht, dass ein Ansatz besser ist als der andere. Sie reflektieren unterschiedliche taktische Philosophien, die beide erfolgreich sein können. Entscheidend wird sein, wie schnell die Mannschaft die Nuancen in ten Hags Interpretation des Systems verinnerlicht.
Kadereignung und Transferüberlegungen
Die Übernahme von Alonsos System hat direkte Auswirkungen auf Leverkusens Transferstrategie. Bestimmte Spielerprofile gewinnen an Wert, andere verlieren an Bedeutung.
Prioritäre Spielertypen für die Dreierkette
Linksfüßige Innenverteidiger mit guten Passfähigkeiten werden unverzichtbar. Sie ermöglichen den diagonalen Spielaufbau und die Raumöffnung über die linke Seite. Ohne mindestens einen solchen Spieler verliert das System an Variabilität.
Athletische Flügelbacks, die 90 Minuten auf und ab laufen können, sind das Herzstück dieses Systems. Ihre Fähigkeit, sowohl defensiv als auch offensiv Akzente zu setzen, macht den Unterschied zwischen einem funktionierenden und einem exzellenten Dreierketten-System aus.
Zentrale Mittelfeldspieler mit guter Positionierung werden wichtiger als reine Ball-Winner. In der Dreierkette rückt das defensive Mittelfeld oft zwischen die Innenverteidiger, wenn die Flügelbacks hochschieben. Diese Rolle erfordert taktische Intelligenz und Übersicht.

Herausforderungen der Systemfortführung
Trotz aller Vorteile birgt ten Hags Entscheidung auch Risiken. Der Niederländer hat weniger Erfahrung mit Dreierketten als mit seiner bevorzugten Viererkette. Die Feinabstimmung in kritischen Spielsituationen könnte Zeit brauchen.
Zudem fehlt ihm die emotionale Verbindung zu diesem System. Während Alonso die Dreierkette als seine taktische Handschrift etablierte, übernimmt ten Hag ein fremdes System. Das kann in Drucksituationen problematisch werden, wenn die Versuchung groß ist, zu vertrauten Mustern zurückzukehren.
Die Spieler müssen sich an einen neuen Kommunikationsstil anpassen. Ten Hags direktere Art unterscheidet sich von Alonsos analytischem Ansatz. Wie schnell diese Anpassung gelingt, wird mitentscheidend für den Erfolg der kommenden Wochen sein.
Ausblick auf die taktische Entwicklung
Die kommenden Bundesliga-Spiele werden zeigen, wie ten Hag das übernommene System weiterentwickelt. Wir erwarten subtile Verschiebungen: höheres Pressing, direktere vertikale Pässe, aggressivere Ballrückeroberung in der gegnerischen Hälfte.
Langfristig könnte Leverkusen zu einem der taktisch flexibelsten Teams der Liga werden. Die Kombination aus Dreierketten-Erfahrung und ten Hags Expertise mit anderen Systemen schafft das Potenzial für echte taktische Vielseitigkeit.
Die Entscheidung, Alonsos taktisches Erbe fortzuführen statt komplett neu anzufangen, zeigt strategisches Denken von Rolfes und pragmatische Anpassungsfähigkeit von ten Hag. In einer Liga, die taktisch immer anspruchsvoller wird, könnte diese Kontinuität bei gleichzeitiger Evolution genau der richtige Ansatz sein.
Der radikale Systemwechsel, von dem der Titel spricht, liegt also weniger in der Formation selbst, sondern in der philosophischen Herangehensweise. Leverkusen behält die Dreierkette, interpretiert sie aber unter neuer Führung neu. Das macht die kommenden Monate zu einem faszinierenden taktischen Experiment im deutschen Spitzenfußball.
