Ist die klassische Viererkette in der Bundesliga 2026 wirklich am Ende
5 Min. LesezeitDie Bundesliga erlebt gerade eine der spannendsten taktischen Revolutionen der letzten Dekade. Was vor zwei, drei Jahren noch undenkbar schien, ist heute Realität: Die klassische Viererkette verliert zunehmend an Boden. Wenn wir uns die Aufstellungen der laufenden Rückrunde 2025/26 ansehen, fällt eine deutliche Verschiebung auf. Dreierketten, Fünferketten und hybride Systeme dominieren mittlerweile fast die Hälfte aller Bundesliga-Partien. Doch bedeutet das tatsächlich das Ende einer der erfolgreichsten Defensivformationen im modernen Fußball?
Der statistische Wandel in Zahlen
Die Datenlage spricht eine klare Sprache. Während zu Beginn der Saison 2023/24 noch 14 von 18 Bundesliga-Teams primär mit Viererkette agierten, sind es Anfang 2026 nur noch neun Mannschaften, die diese Formation als Grundordnung bevorzugen. Das entspricht einem Rückgang von etwa 35 Prozent innerhalb von zweieinhalb Jahren.
Besonders aufschlussreich wird es, wenn wir die Erfolgsbilanz betrachten. Teams mit Dreierkette oder Fünferkette kassieren im Durchschnitt 1,18 Gegentore pro Spiel, während Viererketten-Teams auf 1,34 Gegentore kommen. Der Unterschied mag gering erscheinen, über eine ganze Saison summiert sich das jedoch auf etwa sechs Gegentore mehr.

Warum die Dreierkette plötzlich überzeugt
Die taktische Evolution hat konkrete Gründe. Der moderne Pressing-Fußball stellt neue Anforderungen an die Defensive. Eine Dreierkette bietet mehr Stabilität gegen aggressive Gegenpressing-Systeme, weil immer mindestens ein Verteidiger als Absicherung zurückbleibt, während zwei andere ins Aufbauspiel eingebunden werden können.
Hinzu kommt die veränderte Rolle der Außenverteidiger. In einer klassischen Viererkette müssen sie sowohl defensiv absichern als auch offensiv Breite geben – ein Spagat, der selbst die besten Spieler an ihre Grenzen bringt. Bei einer Fünferkette übernehmen die Flügelverteidiger primär offensive Aufgaben, während die drei zentralen Verteidiger die Defensive stabilisieren.
Ein weiterer Faktor liegt im Spielaufbau. Mit drei Innenverteidigern lassen sich Pressing-Situationen numerisch überlegen bespielen. Wenn der Gegner mit zwei Stürmern presst, stehen drei Verteidiger zur Verfügung – einer ist immer frei. Diese Überzahlsituation erleichtert den kontrollierten Spielaufbau enorm.
Taktische Flexibilität als Schlüssel
Was die neue Generation von Dreierketten-Teams besonders auszeichnet, ist ihre Wandlungsfähigkeit innerhalb eines Spiels. Moderne Systeme sind hybrid angelegt. Eine 3-4-3-Grundordnung kann sich in der Defensive problemlos in eine 5-4-1 verwandeln, während sie im Ballbesitz zu einer 3-2-5 wird.
Diese Flexibilität macht es Gegnern extrem schwer, sich taktisch einzustellen. Wir sehen das besonders bei Mannschaften wie Leverkusen und Leipzig, die innerhalb von wenigen Sekunden zwischen verschiedenen Formationen wechseln können, ohne dass Spieler ihre Positionen grundlegend ändern müssen.

| Formation | Durchschn. Ballbesitz | Gegentore/Spiel | Pass-Erfolgsquote | xG gegen |
|---|---|---|---|---|
| 4-2-3-1 | 54,2% | 1,34 | 83,7% | 1,28 |
| 4-3-3 | 56,8% | 1,31 | 85,1% | 1,25 |
| 3-4-3 | 58,3% | 1,18 | 86,4% | 1,14 |
| 5-3-2 | 51,7% | 1,15 | 82,9% | 1,11 |
Die Viererkette ist nicht tot
Trotz aller Trends wäre es voreilig, die Viererkette abzuschreiben. Bayern München, Stuttgart und Frankfurt setzen weiterhin erfolgreich auf diese Formation – mit gutem Grund. Die Viererkette bietet im Mittelfeld mehr Besetzung, was bei ballbesitzorientiertem Spiel entscheidend sein kann.
Zudem erfordert eine erfolgreiche Dreierkette spezielle Spielertypen. Nicht jeder Innenverteidiger kann in einer Dreier-Abwehrkette die äußere Position spielen. Diese Spieler müssen sowohl stark im Eins-gegen-Eins sein als auch die Fähigkeit besitzen, nach außen zu verteidigen. Solche Spieler sind rar und entsprechend teuer.
Die Viererkette ermöglicht außerdem eine kompaktere Grundformation. In engen Spielen gegen tief stehende Gegner kann das von Vorteil sein, weil mehr Spieler im zentralen Bereich agieren und dort Überzahlsituationen kreieren können.
Unterschiedliche Philosophien in der Bundesliga
Interessant ist, dass die Wahl der Formation oft mit der grundsätzlichen Spielphilosophie zusammenhängt. Teams, die primär auf Ballbesitz und kontrolliertes Kombinationsspiel setzen, tendieren nach wie vor zur Viererkette. Mannschaften, die reaktiven Fußball mit schnellen Umschaltmomenten bevorzugen, favorisieren Dreierketten.

Bayer Leverkusen unter Xabi Alonso ist das perfekte Beispiel für den erfolgreichen Einsatz einer Dreierkette in Verbindung mit extremer Ballbesitzdominanz. Die drei Innenverteidiger sind derart passgenau, dass sie den Ball selbst unter hohem Pressing sicher zirkulieren lassen können. Gleichzeitig ermöglicht die Formation den Flügeln, sehr hoch zu stehen und ständig Tiefe anzubieten.
Auf der anderen Seite zeigt Bayern München, dass eine gut organisierte Viererkette mit technisch herausragenden Außenverteidigern ebenso effektiv sein kann. Die Münchner schaffen es, über ihre Außenverteidiger sowohl defensiv stabil zu bleiben als auch offensiv für Überzahlsituationen zu sorgen.
Personaldecke entscheidet mit
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die verfügbare Personaldecke. Nicht jeder Verein kann sich drei erstklassige Innenverteidiger plus Backup leisten. Viele mittlere und kleinere Bundesliga-Klubs bleiben auch deshalb bei der Viererkette, weil sie mit zwei starken Innenverteidigern und zwei guten Außenverteidigern besser aufgestellt sind als mit drei Innenverteidigern und zwei offensiven Flügelverteidigern.
Die Transferpolitik vieler Vereine orientiert sich noch immer an der klassischen Viererkette. Ein Umstieg erfordert nicht nur taktische Anpassungen, sondern auch eine andere Kaderzusammenstellung. Das kostet Zeit und Geld – Ressourcen, die nicht jeder Klub in diesem Umfang zur Verfügung hat.
Der internationale Vergleich
Werfen wir einen Blick über den Tellerrand, wird deutlich, dass die Bundesliga mit diesem Trend nicht allein dasteht. In der Premier League experimentieren mittlerweile sechs der Top-Ten-Teams regelmäßig mit Dreierketten. In der Serie A war die Dreier-Abwehrkette ohnehin nie ganz verschwunden und erlebt gerade eine Renaissance.
Die Champions League liefert zusätzliche Erkenntnisse. In K.o.-Spielen setzen Teams vermehrt auf Fünferketten, um defensiv stabil zu stehen und aus gesicherten Positionen heraus Konter zu fahren. Die taktische Flexibilität, die eine Dreier- oder Fünferkette bietet, scheint auf höchstem Niveau einen Wettbewerbsvorteil darzustellen.
Ausblick auf die kommenden Jahre
Die Entwicklung wird sich voraussichtlich fortsetzen. Junge Trainer, die ihre Ausbildung in den letzten Jahren absolviert haben, sind mit flexiblen Systemen aufgewachsen. Sie scheuen sich nicht, mit verschiedenen Formationen zu experimentieren und diese auch innerhalb eines Spiels zu wechseln.
Gleichzeitig wird die Viererkette nicht verschwinden. Sie bleibt für viele Spielsituationen und Mannschaftstypen die optimale Lösung. Was wir erleben, ist keine Ablösung, sondern eine Diversifizierung der taktischen Landschaft. Die Bundesliga wird in Zukunft wahrscheinlich eine bunte Mischung verschiedener Systeme sehen, die alle ihre Berechtigung haben.
Entscheidend ist nicht die Formation an sich, sondern wie gut ein Team diese Formation mit Leben füllt. Ein perfekt eingespieltes Viererketten-Team wird immer einem schlecht organisierten Dreierketten-Team überlegen sein. Die Formation ist nur das Gerüst – die Qualität der Spieler und die taktische Klarheit machen den Unterschied.
Die klassische Viererkette ist also keineswegs am Ende. Sie hat nur Gesellschaft bekommen von anderen, ebenso validen taktischen Optionen. Diese Vielfalt macht die Bundesliga taktisch anspruchsvoller und für Analysten spannender denn je. Wir befinden uns mitten in einer Phase des Experimentierens, deren Ergebnis noch nicht absehbar ist. Genau das macht den Fußball der Gegenwart so faszinierend.
