EuGH-Urteil verzögert sich: Was Sportwetten-Kunden jetzt wissen müssen
6 Min. LesezeitDie mit Spannung erwartete Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur Rückforderung von Verlusten aus illegalen Sportwetten in Deutschland lässt weiter auf sich warten. Was ursprünglich für Dezember 2025 angekündigt war, verschiebt sich nun voraussichtlich bis in den Sommer 2026. Für Tausende Sportwetten-Kunden, die auf die Rückerstattung ihrer Verluste hoffen, bedeutet diese Verzögerung Unsicherheit – aber nicht zwangsläufig Nachteil.
Wir analysieren die aktuelle Lage, erklären die rechtlichen Hintergründe und zeigen dir, welche Schritte du jetzt unternehmen solltest, um deine Ansprüche nicht zu gefährden.
Die aktuelle Verzögerung im Detail
Der Fall C-530/24 vor dem EuGH sollte eigentlich schneller entschieden werden. Die Realität sieht anders aus: Die Stellungnahme des Generalanwalts, die ursprünglich für den 11. Dezember 2025 terminiert war, wurde bereits zweimal verschoben. Zunächst auf den 5. Februar 2026, dann erneut auf den 19. März 2026.
Diese Schlussanträge des Generalanwalts sind ein entscheidender Zwischenschritt im europäischen Rechtssystem. Sie geben eine Empfehlung ab, der die Richter des EuGH häufig – wenn auch nicht zwingend – folgen. Nach der Veröffentlichung dieser Stellungnahme vergehen typischerweise weitere drei bis sechs Monate bis zum finalen Urteil.
Realistischer Zeitplan:
| Meilenstein | Ursprünglicher Termin | Aktueller Termin |
|---|---|---|
| Schlussantrag Generalanwalt | 11.12.2025 | 19.03.2026 |
| EuGH-Urteil (geschätzt) | März 2026 | Sommer 2026 |
| BGH-Entscheidung | Mitte 2026 | Herbst 2026 / 2027 |
Das bedeutet: Selbst nach dem EuGH-Urteil muss der Bundesgerichtshof in Deutschland noch entscheiden, wie mit den ausgesetzten Verfahren umzugehen ist. Eine finale Klärung könnte sich dadurch bis Ende 2026 oder sogar ins Jahr 2027 ziehen.

Der rechtliche Hintergrund: Warum dieser Fall so wichtig ist
Die zentrale Frage lautet: Waren Sportwetten-Anbieter, die zwischen 2012 und 2020 ohne deutsche Lizenz operierten, überhaupt berechtigt, Wetten anzunehmen? Das deutsche Glücksspielrecht war in dieser Zeit äußerst restriktiv. Nur schleswig-holsteinische Lizenzen existierten zeitweise, während andere Bundesländer faktisch ein Monopol betrieben.
Viele Anbieter – darunter bekannte Namen wie Tipico, Bwin, Bet365 und weitere – akzeptierten dennoch Kunden aus ganz Deutschland. Juristen argumentieren, dass diese Wettverträge aufgrund fehlender Erlaubnis nach deutschem Recht nichtig sind. Daraus folgt: Verlorene Einsätze können zurückgefordert werden.
Deutsche Gerichte haben diese Argumentation in den vergangenen Jahren überwiegend gestützt. Die Erfolgsquoten für Kläger lagen auf Ebene der Land- und Oberlandesgerichte bei weit über 90 Prozent. Der BGH wollte jedoch eine europarechtliche Klärung durch den EuGH, da es um die Vereinbarkeit des deutschen Glücksspielmonopols mit der europäischen Dienstleistungsfreiheit geht.
Was die Verzögerung für deine Ansprüche bedeutet
Für viele Betroffene stellt sich nun die Frage: Soll ich mit meiner Klage warten, bis der EuGH entschieden hat? Die klare Antwort aus rechtlicher Sicht lautet: Nein.
Verjährung als kritischer Faktor:
Verluste aus illegalen Online-Glücksspielen können grundsätzlich zehn Jahre rückwirkend geltend gemacht werden. Das klingt nach viel Zeit, aber die Verjährungsfrist beginnt bereits am Ende des Jahres zu laufen, in dem du von deinen Verlusten und dem fehlenden Erlaubnisrecht des Anbieters Kenntnis erlangt hast oder hättest erlangen müssen.
Konkret: Verluste aus dem Jahr 2016 könnten bereits Ende 2026 oder Anfang 2027 verjähren – abhängig vom individuellen Kenntnisstand. Wer jetzt abwartet, riskiert, dass ältere Verluste nicht mehr einklagbar sind, wenn das EuGH-Urteil endlich vorliegt.
Die Lösung: Klagen jetzt einreichen:
Durch die Einreichung einer Klage wird die Verjährung gehemmt. Das Verfahren kann dann auf Antrag bis zur EuGH-Entscheidung ausgesetzt werden. Du sicherst dir also deine Ansprüche, ohne auf die höchstrichterliche Klärung verzichten zu müssen.
| Vorgehen | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|
| Sofort klagen | Verjährung gestoppt, alle Verluste gesichert | Verfahrenskosten vorab |
| Auf EuGH-Urteil warten | Keine unmittelbaren Kosten | Ältere Ansprüche können verjähren |
| Nach EuGH-Urteil klagen | Rechtssicherheit vor Klage | Verluste aus 2016/2017 ggf. verjährt |

Positive Signale trotz Verzögerung
Trotz der frustrierenden Wartezeit gibt es mehrere Gründe für Optimismus aus Kläger-Sicht:
Erwartete Tendenz des Generalanwalts:
Rechtsexperten gehen von einer klägerfreundlichen Stellungnahme des Generalanwalts aus. Der BGH hat in seiner Vorlagefrage bereits durchblicken lassen, dass er im Zweifel zugunsten der Verbraucher entscheiden würde. Die bisherige Rechtsprechung deutscher Gerichte stützt diese Einschätzung massiv.
Bisherige Erfolgsquoten:
Auf Ebene der Amts-, Land- und Oberlandesgerichte haben Kläger in vergleichbaren Fällen überwältigende Erfolge erzielt. Die Argumente sind juristisch fundiert und wurden bereits in Hunderten Urteilen bestätigt.
Langfristige Vollstreckbarkeit:
Selbst wenn die endgültige Entscheidung erst 2027 kommt – rechtskräftige Urteile können 30 Jahre lang vollstreckt werden. Hinzu kommen Verzugszinsen von fünf Prozentpunkten über dem Basiszinssatz, die sich Jahr für Jahr akkumulieren. Eine späte Entscheidung bedeutet also nicht automatisch einen finanziellen Nachteil.
Die Strategie der Wettanbieter
Die Verzögerung spielt auch den beklagten Wettanbietern in die Karten – zumindest kurzfristig. Unternehmen wie Tipico, Bwin oder Bet365 gewinnen Zeit, um möglicherweise organisatorische Umstrukturierungen vorzunehmen.
Potenzielle Risiken:
Einige Rechtsanwälte warnen, dass Anbieter die Verzögerung nutzen könnten, um Vermögenswerte zu verlagern oder Unternehmensstrukturen so zu ändern, dass spätere Vollstreckungen erschwert werden. Zwar ist dies nicht ohne weiteres möglich und rechtlich anfechtbar – dennoch ein Aspekt, der für schnelles Handeln spricht.
Prozessverschleppung:
Je länger Verfahren dauern, desto kostspieliger werden sie für beide Seiten. Anbieter hoffen möglicherweise darauf, dass Kläger aufgeben oder sich auf geringere Vergleichssummen einlassen. Wer aber finanziell durchhalten kann und eine Rechtsschutzversicherung oder Prozessfinanzierung hat, sollte standhaft bleiben.

Deine konkreten Handlungsoptionen
Basierend auf der aktuellen Rechtslage und den Entwicklungen rund um die EuGH-Verzögerung ergeben sich folgende Empfehlungen:
Dokumentation sicherstellen:
Sammle alle Belege deiner Wettaktivitäten: Kontoauszüge, E-Mail-Korrespondenz, Screenshots von Einzahlungen und Wetteinsätzen. Die meisten Anbieter stellen diese Daten auf Anfrage zur Verfügung – manchmal allerdings nur widerwillig. Je früher du diese Unterlagen anforderst, desto besser.
Rechtliche Beratung einholen:
Spezialisierte Anwälte im Glücksspielrecht können deine individuelle Situation präzise bewerten. Viele bieten kostenlose Erstberatungen an. Wichtig ist die Prüfung, welche Verluste tatsächlich noch nicht verjährt sind und wie hoch dein realistischer Anspruch liegt.
Prozessfinanzierung prüfen:
Falls du keine Rechtsschutzversicherung hast, können Prozessfinanzierer eine Option sein. Diese übernehmen das Kostenrisiko gegen eine Erfolgsbeteiligung. Gerade bei hohen Verlustsummen kann dies wirtschaftlich sinnvoll sein.
Nicht von Vergleichsangeboten unter Druck setzen lassen:
Einige Anbieter machen Vergleichsangebote weit unter der tatsächlichen Verlustsumme. Prüfe solche Angebote kritisch. Angesichts der guten Erfolgsaussichten und der langen Vollstreckbarkeit von Urteilen ist es oft besser, auf ein Gerichtsurteil zu setzen.
Ausblick: Wie es nach dem EuGH-Urteil weitergeht
Selbst ein positives EuGH-Urteil wird nicht sofort alle Fälle klären. Der BGH muss die europarechtliche Vorgabe auf die konkreten deutschen Verfahren anwenden. Dann müssen die Instanzgerichte entscheiden – ein Prozess, der nochmals Monate dauern kann.
Mögliche Szenarien:
Ein klägerfreundliches EuGH-Urteil würde wahrscheinlich eine Welle von Entscheidungen zugunsten der Verbraucher auslösen. Anbieter könnten dann verstärkt auf Vergleiche setzen, um Massenverfahren zu vermeiden. Ein Urteil zugunsten der Anbieter würde hingegen viele laufende Verfahren beenden – allerdings gilt dies als unwahrscheinlicher.
Europäische Dimension:
Die Entscheidung hat Signalwirkung über Deutschland hinaus. Auch in Österreich, den Niederlanden und anderen Ländern laufen ähnliche Verfahren. Ein klares EuGH-Urteil könnte EU-weit Standards setzen, wie mit nationalen Glücksspielmonopolen und der Rückforderung von Verlusten umzugehen ist.
Fazit: Handeln statt abwarten
Die Verzögerung des EuGH-Urteils ist ärgerlich, sollte dich aber nicht zur Untätigkeit verleiten. Die rechtlichen Grundlagen sprechen nach wie vor deutlich für Verbraucher, die ihre Verluste bei illegalen Wettanbietern zurückfordern möchten.
Wer jetzt handelt, sichert sich alle Ansprüche und verhindert, dass Verjährungsfristen zuschlagen. Die Kosten und der Aufwand eines Verfahrens sind angesichts der hohen Erfolgsaussichten und der potenziellen Rückzahlungen vertretbar – zumal Prozessfinanzierungen das finanzielle Risiko minimieren.
Wir empfehlen: Nicht abwarten, sondern dokumentieren, beraten lassen und gegebenenfalls klagen. Die Zeit arbeitet sonst gegen dich – und das solltest du bei Verlustsummen, die schnell fünf- oder sechsstellig werden können, nicht riskieren.
