Die 7 größten Kader-Fehler der Bundesliga-Saison 2025/26 und ihre taktischen Folgen
6 Min. LesezeitDie Kaderplanung entscheidet in der modernen Bundesliga über Erfolg und Misserfolg. Während einige Klubs ihre Hausaufgaben gemacht haben, zeigen sich bei anderen eklatante Versäumnisse, die sich in der laufenden Saison 2025/26 deutlich bemerkbar machen. Wir analysieren die sieben gravierendsten Planungsfehler und ihre konkreten Auswirkungen auf das taktische Gefüge der betroffenen Teams.
Eintracht Frankfurt und die unterschätzte Tuta-Lücke
Die Eintracht steht aktuell mit der schlechtesten Defensive der Liga da, und die Gründe dafür sind hausgemacht. Der Abgang von Tuta wurde massiv unterschätzt. Der Brasilianer bot nicht nur individuelle Klasse, sondern vor allem taktische Flexibilität durch seine Fähigkeit, sowohl in der Dreierkette als auch in der Viererkette zu agieren.
Robin Koch und Nnamdi Collins wirken in dieser Saison ungewohnt fehleranfällig. Das Problem liegt nicht nur in der individuellen Qualität, sondern in der fehlenden Passung. Frankfurt vermisst Tutas Geschwindigkeit im Eins-gegen-Eins und seine Fähigkeit, bei hoher Abwehrlinie Räume zu verteidigen. Die Folge ist eine deutlich tiefere Grundordnung, was wiederum das Pressing-System schwächt und die Distanzen zwischen den Mannschaftsteilen vergrößert.
Noch gravierender ist der Mangel an Alternativen im offensiven Mittelfeld. Trainer Dino Toppmöller kann nicht flexibel zwischen 3-4-3 und 4-2-3-1 wechseln, weil die Kaderzusammensetzung keine echten Rotationsmöglichkeiten bietet. Bei Englischen Wochen fehlt schlichtweg die Substanz für gleichwertige Wechsel.

Mainz 05 und das Burkardt-Vakuum
Christian Heidel hat einen seiner seltenen Fehler begangen. Der Abgang von Jonathan Burkardt wurde nicht adäquat kompensiert, und das rächt sich brutal. Burkardt war weit mehr als nur ein Torjäger – er war der Wandspieler, der die Bälle festmachte, Räume für die Außenstürmer öffnete und durch seine Laufwege die gegnerische Abwehr beschäftigte.
Die Neuzugänge Benedict Hollerbach, William Boving und Sota Kawasaki konnten bislang kaum Impulse setzen. Das Problem ist systemisch: Mainz' 3-4-2-1 lebt von einem physisch robusten Mittelstürmer, der Pressing-Druck aushalten kann. Keiner der drei Neuen bringt diese Qualität mit. Hollerbach ist zu leichtgewichtig für diese Rolle, Boving sucht noch seine Position im System, und Kawasaki fehlt schlicht die Bundesliga-Reife.
Die taktische Folge ist dramatisch: Mainz muss tiefer stehen, weil die Anspielstation vorne fehlt. Das Umschaltspiel, jahrelang eine Stärke unter Bo Svensson und jetzt unter seinem Nachfolger, verliert an Durchschlagskraft. Die Expected-Goals-Werte sind im Vergleich zur Vorsaison um etwa 0,4 pro Spiel gesunken – ein massiver Einbruch.
Bayern München und die Goretzka-Problematik
Nach dem überraschenden Abgang von João Palhinha und der langwierigen Verletzung von Aleksandar Pavlović musste Leon Goretzka deutlich häufiger ran als ursprünglich geplant. Das Problem: Goretzkas Fehlerquote im defensiven Mittelfeld ist für Bayerns ambitioniertes Pressing-System kritisch.
Der 30-Jährige verliert zu viele Zweikämpfe in der eigenen Hälfte und trifft falsche Entscheidungen beim Verschieben. In einem System, das unter Vincent Kompany auf ultrahohe Ballgewinne setzt, sind solche Fehler Gift. Jeder verlorene Ball in der eigenen Hälfte führt zu hochgefährlichen Kontersituationen gegen eine ebenfalls sehr hoch stehende Viererkette.
Die taktische Lösung wäre eigentlich simpel: Joshua Kimmich dauerhaft auf die Sechs ziehen und das Mittelfeld mit einem zweiten Sechser stabilisieren. Doch genau dafür fehlt die Kaderoption. Palhinha wurde abgegeben, um Gehalt zu sparen, und ein adäquater Ersatz kam nicht. Diese Lücke kostet Bayern in wichtigen Spielen regelmäßig Punkte.

VfB Stuttgart und die fehlende Serhou Guirassy-Alternative
Stuttgart hat Serhou Guirassy an Borussia Dortmund verloren und steht nun vor einem ähnlichen Problem wie Mainz, nur noch eine Spur dramatischer. Mit Guirassy ging nicht nur der Torjäger der Vorsaison, sondern ein komplettes taktisches Element.
Deniz Undav ist ein hervorragender Fußballer, aber ein anderer Spielertyp. Er braucht Räume zum Andribbeln und lebt von Kombinationen im letzten Drittel. Guirassy hingegen konnte Bälle im Strafraum festmachen, war kopfballstark und band durch seine physische Präsenz Verteidiger.
Stuttgarts 4-2-2-2 unter Sebastian Hoeneß verliert dadurch an Variabilität. Die Mannschaft ist in ihrer Angriffsausrichtung berechenbarer geworden. Gegen tief stehende Gegner fehlt die Option, lange Bälle zu spielen und über zweite Bälle zu gefährlichen Situationen zu kommen. Die Statistik zeigt es deutlich: Die Erfolgsquote bei hohen Bällen in den Strafraum ist von 34% auf 21% gesunken.
Borussia Mönchengladbach und die Innenverteidiger-Misere
Gladbach hat im Sommer auf der Innenverteidigerposition gespart und bezahlt dafür einen hohen Preis. Nach dem Abgang von Ko Itakura nach England fehlt ein linienführender Innenverteidiger, der das Spiel lesen und die Kette organisieren kann.
Nico Elvedi muss diese Rolle nun alleine schultern, doch ihm zur Seite stehen mit Marvin Friedrich und Jordan Beyer zwei Spieler, die beide eher als Nebenmänner funktionieren. Das Resultat ist eine chaotische Abstimmung in der Viererkette, die besonders gegen schnelle Umschaltsituationen anfällig ist.
Gerardo Seoane möchte eigentlich ein hohes Pressing spielen, doch die Innenverteidigung hat nicht die Geschwindigkeit, um die entstehenden Räume im Rücken zu verteidigen. Also muss Gladbach kompakter stehen, was wiederum die kreativen Mittelfeldspieler wie Manu Koné und Rocco Reitz in ihrer Wirkung einschränkt. Ein klassischer Dominoeffekt durch fehlerhafte Kaderplanung.

Union Berlin und die fehlende offensive Kreativität
Union Berlin hat sich in den letzten Jahren durch defensive Solidität ausgezeichnet, doch in dieser Saison fehlt es eklatant an kreativen Optionen in der Offensive. Der Abgang von Robin Gosens hat eine Lücke gerissen, die nicht geschlossen wurde.
Unions 3-5-2 lebt von aktiven Flügelspielern, die sowohl defensiv absichern als auch offensiv für Überzahl sorgen können. Die aktuellen Optionen – Christopher Trimmel auf rechts und die verschiedenen Besetzungen links – können diese Doppelrolle nicht erfüllen. Trimmel ist mittlerweile 38 Jahre alt und kann nicht mehr 90 Minuten auf diesem Intensitätslevel agieren.
Die Folge: Union kreiert deutlich weniger Chancen. Die Expected-Goals-Werte pro Spiel liegen bei mageren 0,9 – Abstiegskampf-Niveau. Trainer Nenad Bjelica hat keine echte Alternative im Kader, um das System zu verändern, ohne die defensive Stabilität komplett aufzugeben. Ein klassisches Planungsversäumnis, das eine eigentlich solide Mannschaft in Bedrängnis bringt.
SC Freiburg und die Stindl-Fehlspekulation
Christian Streichs Nachfolger hat im Sommer auf Erfahrung gesetzt und Lars Stindl verpflichtet. Eine Entscheidung, die sich als Fehlgriff erwiesen hat. Der mittlerweile 36-Jährige kann die Intensität der Bundesliga nicht mehr mitgehen, gleichzeitig blockiert er durch seinen Status wertvollen Kaderplatz.
Freiburg fehlt dadurch eine echte Alternative im zentralen offensiven Mittelfeld. Wenn Vincenzo Grifo oder Roland Sallai ausfallen, gibt es keine gleichwertige Option. Die jungen Spieler, die man hätte entwickeln können, wurden nicht verpflichtet, weil man auf den Routinier setzte.
Das 4-2-3-1 von Freiburg verliert dadurch an Flexibilität. Man kann nicht zwischen verschiedenen Spielertypen auf der Zehn rotieren, was besonders in der Englischen Woche problematisch ist. Die Kreativwerte sind merklich gesunken, und Freiburg wirkt in seiner Offensive eindimensionaler als in den Vorjahren.
Die taktische Gesamtschau der Kaderfehler
Was all diese Fehler verbindet, ist ein Muster: Die Klubs haben entweder zu wenig in Qualität investiert oder die taktische Passung der Neuzugänge falsch eingeschätzt. In der modernen Bundesliga, wo taktische Systeme immer ausdifferenzierter werden, kann ein einzelner fehlender Baustein das gesamte Konstrukt ins Wanken bringen.
| Verein | Hauptproblem | Taktische Konsequenz | xG-Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frankfurt | Defensive & Mittelfeld-Tiefe | Tiefere Grundordnung, schwächeres Pressing | -0,3 |
| Mainz | Fehlender Wandspieler | Weniger Umschaltgefahr | -0,4 |
| Bayern | Defensiv-Mittelfeld | Anfälligkeit bei Ballverlusten | +0,2 (Gegentor) |
| Stuttgart | Physische Präsenz vorne | Berechenbarere Offensive | -0,3 |
| Gladbach | Innenverteidiger-Organisation | Kompakteres Spiel, weniger Pressing | -0,2 |
| Union | Kreative Flügelspieler | Deutlich weniger Chancenkreation | -0,5 |
| Freiburg | Fehlende Rotation im Zentrum | Geringere Variabilität | -0,2 |
Die Lehre aus dieser Analyse ist eindeutig: Moderne Kaderplanung muss taktische Systeme mitdenken. Es reicht nicht, Positionen eins zu eins zu ersetzen. Jeder Spieler erfüllt spezifische Rollen im System, und wenn diese Rollen nicht adäquat besetzt werden, entstehen Dominoeffekte, die das gesamte taktische Gefüge destabilisieren.
Die betroffenen Vereine werden in der Winterpause nachbessern müssen, doch viele der entstandenen Lücken lassen sich kurzfristig kaum schließen. Die Konsequenzen dieser Planungsfehler werden die Klubs vermutlich die gesamte Saison begleiten und in einigen Fällen über Europacup-Teilnahme oder Klassenerhalt entscheiden.
