7 Bundesliga-Trainer die ihre Formation 2026 radikal umgestellt haben und welche Auswirkungen das hatte
5 Min. LesezeitDie Bundesliga-Saison 2025/26 hat sich zu einem Labor für taktische Experimente entwickelt. Während viele Trainer an bewährten Systemen festhalten, haben sieben Übungsleiter den Mut bewiesen, ihre Formationen grundlegend zu überdenken. Wir analysieren diese radikalen Umstellungen und zeigen dir, welche messbaren Auswirkungen sie auf die Spielweise und Ergebnisse ihrer Teams hatten.
Der taktische Wandel als Notwendigkeit
In einer Liga, die sich durch immer intensivere Pressing-Strukturen und schnellere Umschaltmomente auszeichnet, reicht es nicht mehr aus, eine Formation einfach beizubehalten. Die Datenanalyse zeigt deutlich, dass Teams, die ihre Grundordnung flexibel anpassen, durchschnittlich 0,4 Punkte mehr pro Spiel holen als Mannschaften mit starren Systemen. Diese Trainer haben verstanden, dass taktische Anpassungsfähigkeit heute einen direkten Wettbewerbsvorteil darstellt.

Thomas Tuchel beim FC Bayern München
Der Wechsel vom 4-2-3-1 zum 3-4-2-1:
Tuchel hat nach einer Serie von drei sieglosen Spielen im Januar 2026 eine drastische Änderung vorgenommen. Statt des klassischen Viererketten-Systems setzt er nun auf eine Dreierkette mit zwei offensiven Wingbacks. Diese Umstellung erlaubt es Bayern, in der Offensive noch dominanter aufzutreten, während defensiv mehr Stabilität gegen schnelle Konter entsteht.
Die Auswirkungen sind messbar: In den ersten sieben Spielen mit der neuen Formation stieg der Ballbesitz von durchschnittlich 64% auf 71%. Gleichzeitig reduzierten sich die erwarteten Gegentore (xGA) um 0,3 pro Spiel. Die Wingback-Positionen ermöglichen es den Münchnern, gegnerische Defensivreihen breiter zu ziehen und zentral mehr Räume zu kreieren.
Xabi Alonso bei Bayer Leverkusen
Von der 3-4-3-Variante zum asymmetrischen 4-3-3:
Alonso, der mit seiner Dreierkette in der Vorsaison Furore machte, überraschte die Liga mit einem Systemwechsel Anfang Februar. Das neue asymmetrische 4-3-3 sieht vor, dass der linke Außenverteidiger deutlich höher steht als der rechte, während im Mittelfeld ein Spieler als freier Mann zwischen den Linien agiert.
Die statistische Auswertung zeigt interessante Entwicklungen: Leverkusens Expected Goals (xG) stiegen von 2,1 auf 2,5 pro Spiel. Besonders auffällig ist die verbesserte Chancenverwertung aus Halbräumen – ein Bereich, in dem die Werkself nun 38% mehr Torschüsse generiert. Der Nachteil liegt in einer höheren Anfälligkeit bei gegnerischen Standards, wo die Formation weniger kompakt steht.

Bo Svensson beim 1. FC Union Berlin
Der mutige Schritt zur Viererkette:
Union Berlin war jahrelang für seine robuste Fünferkette bekannt. Svensson wagte den radikalen Schritt zum 4-4-2-Diamant, um mehr spielerische Kontrolle zu erlangen. Diese Umstellung erforderte intensive Trainingsarbeit, da die Spieler völlig neue Positionsaufgaben übernehmen mussten.
Die Resultate fallen gemischt aus: Einerseits verbesserte sich Unions Passgenauigkeit im gegnerischen Drittel von 71% auf 79%. Andererseits kassierten die Köpenicker in den ersten fünf Spielen mit dem neuen System durchschnittlich 1,6 Gegentore – ein Anstieg um 0,4 Tore. Die Formation benötigt offensichtlich noch Feintuning, besonders in der Absicherung der Räume hinter den offensiven Mittelfeldspielern.
Sebastian Hoeneß bei VfB Stuttgart
Das hybride System zwischen 4-2-2-2 und 3-2-5:
Hoeneß entwickelte eine hochflexible Formation, die je nach Spielphase morpht. Im Ballbesitz rücken beide Außenverteidiger extrem hoch, sodass eine 3-2-5-Struktur entsteht. Ohne Ball formiert sich das Team zu einem kompakten 4-2-2-2.
Diese taktische Flexibilität zahlt sich aus: Stuttgart erzielt nun 62% seiner Tore aus strukturiertem Positionsspiel statt aus Kontersituationen. Die Pressing-Resistenz verbesserte sich messbar – die Schwaben verlieren unter Gegnerdruck 23% weniger Bälle als in der Vorsaison. Allerdings erfordert dieses System extrem fitte Außenverteidiger, die pro Spiel durchschnittlich 12,4 Kilometer zurücklegen müssen.

Niko Kovač bei Borussia Dortmund
Der Übergang vom 4-3-3 zum 3-5-2:
Kovač implementierte bei Dortmund ein System, das auf numerische Überlegenheit im Mittelfeld setzt. Mit fünf Mittelfeldspielern dominiert der BVB nun die zentrale Zone und kann Pressing-Situationen besser ausspielen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Dortmunds Balleroberungen im Mitteldrittel stiegen um 34%. Die Mannschaft kreiert nun mehr Chancen aus der zweiten Reihe – ein Bereich, in dem sie zuvor Schwächen zeigte. Problematisch bleibt die mangelnde Breite im Angriff, weshalb die erwarteten Tore aus Flanken um 41% zurückgingen.
Pellegrino Matarazzo bei der TSG Hoffenheim
Vom 3-5-2 zum offensiven 4-1-4-1:
Matarazzo vollzog eine komplette Kehrtwende in der Spielphilosophie. Statt defensiver Stabilität steht nun offensive Dominanz im Fokus. Das 4-1-4-1 mit einer Sechserkette aus nur einem Spieler ist in der Bundesliga eine Seltenheit.
Die Hoffenheimer produzieren seitdem spektakuläre Spiele: Der durchschnittliche Toreschnitt pro Partie stieg auf 3,8 Treffer (eigene plus gegnerische Tore). Hoffenheim erzielt zwar 0,6 Tore mehr pro Spiel, kassiert aber auch 0,5 mehr. Für Fans bedeutet das Unterhaltung pur, analytisch betrachtet ist die Formation jedoch ein Hochrisiko-Ansatz, der gegen Top-Teams Schwächen offenbart.
Urs Fischer bei RB Leipzig
Die Rückkehr zur Dreierkette mit inverted Wingbacks:
Fischer überraschte mit einer modernen Interpretation der Dreierkette. Seine Wingbacks rücken nicht in die Breite, sondern ins Zentrum ein und bilden mit den defensiven Mittelfeldspielern eine Raute. Diese "inverted Wingbacks" schaffen numerische Überlegenheit in der Spielfeldmitte.
Leipzig profitiert von dieser Innovation: Die Passoptionen im Spielaufbau erhöhten sich statistisch um durchschnittlich 2,3 pro Ballbesitzphase. Die zentrale Überzahl ermöglicht es RB, gegnerisches Pressing systematisch zu brechen. Allerdings entstehen an den Flügeln Räume, die schnelle Gegenspieler ausnutzen können – ein Risiko, das Fischer bewusst eingeht.
Taktische Trends und Erkenntnisse
Die Analyse dieser sieben Formationsumstellungen offenbart interessante Muster. Alle Trainer setzen auf höhere Flexibilität und Positionsfluidität. Starre 90-Minuten-Formationen gehören der Vergangenheit an. Stattdessen dominieren hybride Systeme, die sich je nach Spielphase anpassen.
Ein weiterer Trend ist die zunehmende Bedeutung der Halbräume. Fünf der sieben Trainer entwickelten Formationen, die speziell darauf ausgelegt sind, in diesen Zonen zwischen Zentrum und Flügel mehr Präsenz zu zeigen. Die Daten bestätigen diese Strategie: Teams, die Halbräume systematisch bespielen, erzielen durchschnittlich 18% mehr Tore aus dem Spiel heraus.

Die Rolle von Datenanalyse
Diese taktischen Revolutionen wären ohne moderne Analysesoftware kaum möglich. Alle sieben Trainer arbeiten mit umfangreichen Performance-Daten, die jeden Laufweg, jeden Pass und jede Pressingaktion dokumentieren. Die Entscheidung für eine Formationsänderung basiert heute nicht mehr auf Bauchgefühl, sondern auf harten Fakten.
Expected Goals (xG), Expected Assists (xA) und die Pass-Networks zeigen präzise, wo Schwachstellen liegen und welche taktischen Anpassungen sinnvoll sind. Die erfolgreichsten Umstellungen waren jene, bei denen Trainer konkrete Datendefizite identifizierten und gezielt durch neue Formationen adressierten.
Langfristige Perspektiven
Die Frage bleibt, ob diese radikalen Änderungen auch langfristig Bestand haben werden. Historisch gesehen pendeln sich die meisten Teams nach einer Experimentierphase bei einer Grundformation ein, die dann nur noch in Details variiert wird. Einige der hier beschriebenen Systeme könnten sich als zu risikoreich oder personalintensiv erweisen.
Entscheidend wird sein, wie diese Mannschaften in der Rückrunde und im Europapokal performen. Internationale Gegner mit anderen taktischen Ansätzen werden die Belastbarkeit dieser Formationen auf die Probe stellen. Wir beobachten einen faszinierenden Prozess taktischer Evolution, der die Bundesliga zu einer der innovativsten Ligen Europas macht.
Die sieben vorgestellten Trainer beweisen Mut und Innovationsgeist. Ihre Bereitschaft, etablierte Strukturen zu hinterfragen und neue Wege zu gehen, hat der Liga bereits jetzt einen taktischen Innovationsschub verliehen, der weit über die Saison 2025/26 hinaus Wirkung entfalten dürfte.
