5 taktische Umstellungen die Leverkusens Defensivprobleme sofort lösen könnten
6 Min. LesezeitDie Defensive von Bayer Leverkusen zeigt in dieser Saison deutliche Schwächen. Nach der historischen Meistersaison mit minimalem Gegentorschnitt kassiert die Werkself plötzlich Treffer in Serie. Wir analysieren fünf konkrete taktische Anpassungen, die Xabi Alonso vornehmen könnte, um die Abwehr wieder zu stabilisieren.
Die Ausgangslage der Leverkusener Defensive
Leverkusen präsentierte sich in der vergangenen Spielzeit als nahezu unüberwindbare Defensiveinheit. Das 3-4-3-System mit gelegentlichen Wechseln in eine 4-3-3-Formation funktionierte perfekt. Doch aktuell häufen sich die Gegentore. Die Probleme manifestieren sich auf mehreren Ebenen: Die Außenbahnen werden regelmäßig überlaufen, das Zentrum wirkt anfällig bei Kontern, und die Abstimmung zwischen Mittelfeld und Abwehr stimmt nicht mehr.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Während Leverkusen in der Meistersaison durchschnittlich unter einem Gegentor pro Spiel lag, sind es mittlerweile deutlich mehr. Besonders bei Standardsituationen und Umschaltsituationen zeigt die Werkself ungewohnte Schwächen.

Umstellung Eins – Rückkehr zur asymmetrischen Dreierkette
Die erste taktische Maßnahme betrifft die Grundformation. Leverkusen sollte konsequent zur asymmetrischen Dreierkette zurückkehren, die in der Meistersaison so erfolgreich war. Dabei agiert ein linker Innenverteidiger leicht versetzt nach vorne, um Pressing-Resistenz zu gewährleisten.
Konkret bedeutet dies eine verstärkte Nutzung von Edmond Tapsoba als linker Verteidiger in einer 3-4-2-1-Formation. Tapsoba besitzt die technischen Fähigkeiten und das Passspiel, um aus dieser Position heraus den Spielaufbau zu initiieren. Der zentrale Verteidiger übernimmt Absicherungsaufgaben, während der rechte Innenverteidiger bei gegnerischen Ballbesitzphasen die Außenbahn mitverteidigt.
Diese asymmetrische Ausrichtung bietet mehrere Vorteile. Sie erlaubt es den Außenverteidigern, höher zu stehen, ohne dass riesige Räume in der Tiefe entstehen. Gleichzeitig wird das Zentrum dichter gemacht, was Leverkusens aktuelle Hauptschwäche adressiert. Die Abstände zwischen den Verteidigern bleiben kompakt, während trotzdem Breite im Aufbau generiert wird.
Umstellung Zwei – Adjustierung der Flügelverteidiger-Positionen
Die zweite taktische Anpassung fokussiert sich auf die Positionierung der Außenverteidiger. Aktuell schieben Leverkusens Flügelverteidiger zu früh und zu hoch auf, was massive Räume hinter der Abwehrkette öffnet.
Wir empfehlen eine gestaffelte Positionierung. Der ballnahe Außenverteidiger rückt nur bis zur Mittellinie vor, während der ballferne Spieler als zusätzliche Absicherung in einer Fünferkette verbleibt. Diese asymmetrische Staffelung verhindert gefährliche Überzahlsituationen bei gegnerischen Kontern.

Besonders wichtig wird dabei die Kommunikation mit den Achtern im Mittelfeld. Ein Sechser muss stets bereit sein, bei Ballverlusten sofort in den Halbraum abzukippen und die entstehende Lücke zu schließen. Diese Rotation zwischen Außenverteidiger, Sechser und Achter erfordert höchste Disziplin, schafft aber defensive Stabilität ohne offensive Durchschlagskraft zu opfern.
Die Statistiken zeigen eindeutig, dass Leverkusen die meisten Gegentore nach Flanken aus dem Halbraum kassiert. Eine tiefere Grundposition der Außenverteidiger würde diese Zone besser abdecken und gleichzeitig schnelle Umschaltmomente ermöglichen.
Umstellung Drei – Modifiziertes Mittelfeldpressing mit Doppel-Sechser
Die dritte Umstellung betrifft das zentrale Mittelfeld. Statt eines einzelnen Sechsers vor der Abwehr sollte Leverkusen temporär auf ein Doppel-Sechser-System umstellen. Dies würde die Räume vor der Abwehr verdichten und gleichzeitig mehr Ballsicherheit im Aufbau generieren.
In der praktischen Umsetzung bedeutet dies eine 3-2-4-1-Formation in Ballbesitz, die sich bei gegnerischem Ball zu einem 5-2-3 wandelt. Die beiden Sechser teilen sich horizontal auf und besetzen die beiden Halbräume. Einer agiert ballnah und presst aktiv, der andere absichert und verhindert zentrale Durchbrüche.
Diese Konfiguration adressiert mehrere aktuelle Schwächen. Erstens wird das Zentrum deutlich kompakter, was weniger Räume für gegnerische Zehner und hängende Spitzen lässt. Zweitens ermöglicht die Doppelbesetzung bessere Ballzirkulation und sichereren Aufbau unter Gegnerdruck. Drittens entsteht eine zusätzliche Sicherheitsebene bei Ballverlusten.
Der temporäre Verzicht auf einen zusätzlichen Achter wird durch die höhere Positionierung der Flügelspieler kompensiert. Diese rücken enger zusammen und besetzen die Halbräume, während echte Breite über die Außenverteidiger generiert wird.
Umstellung Vier – Zonenverteidigung bei Standards
Leverkusens vierte Baustelle sind Standardsituationen. Die aktuelle Manndeckung bei Ecken und Freistößen führt regelmäßig zu Gegentreffern. Eine Umstellung auf Zonenverteidigung mit hybriden Elementen würde Abhilfe schaffen.

Wir schlagen ein 6-3-System vor. Sechs Spieler besetzen strategische Zonen im Strafraum: zwei Pfosten, zwei zentrale Zonen, zwei Fünfmeterraum-Zonen. Drei weitere Spieler übernehmen Mannorientierung bei den gefährlichsten gegnerischen Angreifern. Diese Hybridlösung kombiniert die Vorteile beider Systeme.
Die Zonenverteilung folgt klaren Prinzipien. Die physisch stärksten Spieler besetzen die beiden Pfostenzonen und den zentralen Fünfmeterraum. Schnelle, wendige Verteidiger übernehmen die Außenzonen und sind für Abpraller zuständig. Die drei Manndecker fokussieren sich ausschließlich auf ihre Gegenspieler und ignorieren den Ball bis zum letzten Moment.
Entscheidend ist die Staffelung in der Tiefe. Die vorderste Linie attackiert bereits am Fünfmeterraum, die zweite Linie am Elfmeterpunkt, die dritte am Strafraum-Rand. Diese Staffelung verhindert, dass mehrere Verteidiger zum gleichen Ball springen und Lücken entstehen.
Umstellung Fünf – Aggressiveres Gegenpressing in der ersten Pressinglinie
Die fünfte und letzte Umstellung betrifft die Intensität und Organisation des Gegenpressings unmittelbar nach Ballverlusten. Leverkusen muss die Pressing-Aggressivität in den ersten fünf Sekunden nach Ballverlust massiv erhöhen.
Das Konzept folgt dem Prinzip der Ballorientierten Kompaktheit. Sobald der Ball verloren geht, formieren sich mindestens drei Spieler sofort um den neuen Ballführenden in einem Radius von maximal zehn Metern. Ziel ist nicht primär die Balleroberung, sondern die Unterbindung von vertikalen Pässen und schnellen Umschaltsituationen.
Die taktische Umsetzung erfordert klare Verantwortlichkeiten. Der ballnächste Spieler attackiert sofort und zwingt den Gegner zu einem horizontalen oder rückwärtigen Pass. Der zweite Presser sichert den wahrscheinlichsten Passweg ab. Der dritte Spieler schließt die Rückpassoption zum zentralen Mittelfeldspieler.
Parallel dazu verschiebt die gesamte Mannschaft ballorientiert. Die Viererkette rückt zehn bis fünfzehn Meter auf, die Außenverteidiger verengen den Raum, die verbleibenden Mittelfeldspieler besetzen zentrale Zonen. Diese koordinierte Verschiebung reduziert den verfügbaren Raum für den Gegner von einem halben Feld auf etwa ein Viertel.
Statistiken aus der Meistersaison zeigen, dass Leverkusen damals 65 Prozent aller Bälle innerhalb von acht Sekunden zurückeroberte. Aktuell liegt diese Quote bei unter 45 Prozent. Die Rückkehr zu dieser Pressing-Intensität würde nicht nur mehr Ballbesitz generieren, sondern vor allem verhindern, dass Gegner überhaupt in gefährliche Umschaltsituationen kommen.

Kombinationseffekte und praktische Implementierung
Die fünf vorgestellten Umstellungen entfalten ihre volle Wirkung nur in Kombination. Die asymmetrische Dreierkette funktioniert optimal mit dem Doppel-Sechser-System. Die modifizierte Außenverteidiger-Position harmoniert perfekt mit aggressivem Gegenpressing. Die Zonenverteidigung bei Standards benötigt die durch andere Umstellungen gewonnene personelle Flexibilität.
Xabi Alonso könnte diese Anpassungen schrittweise implementieren. Zunächst die Grundformation und Mittelfeldbesetzung in einem Spiel gegen einen vermeintlich schwächeren Gegner testen. Dann die Standard-Taktik integrieren. Schließlich das Pressing-Konzept verfeinern und die Außenverteidiger-Positionierung anpassen.
Die Werkself besitzt zweifelslos das Personal für diese taktischen Modifikationen. Entscheidend wird die mentale Bereitschaft sein, sich wieder auf defensive Solidität zu fokussieren, ohne dabei die offensive Stärke zu verlieren. Die Meistersaison hat gezeigt, dass Leverkusen beides kann. Nun gilt es, zu diesen Prinzipien zurückzukehren und sie an die aktuelle Situation anzupassen.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob und wie schnell diese taktischen Justierungen greifen. Eines ist jedoch sicher: Ohne Anpassungen wird Leverkusen die defensiven Probleme nicht in den Griff bekommen. Die vorgestellten fünf Umstellungen bieten einen konkreten, umsetzbaren Fahrplan zurück zur defensiven Stabilität.
